Davor oder dazwischen – Judith Hermann: Daheim

DaheimJudith Hermanns neuer Roman „Daheim“ ist zur Zeit nicht nur wegen der Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in aller Munde. Das Buch erhält viel positive Resonanz, und auch ich bin begeistert von Judith Hermanns Kunst, auf kleinstem Raum und mit reduzierten Mitteln zu berühren und zu fesseln.

Protagonistin ist eine Frau in den Vierzigern, geschieden, die Tochter ist nicht nur aus dem Haus, sondern gleich in die Welt gezogen. Sie meldet sich von Zeit zu Zeit über das Internet von ihrer Reise, was sie genau tut, bleibt vage und die Mutter fragt nicht nach, sondern lässt die Tochter, die der wichtigste Mensch in ihrem Leben ist, ziehen. Zu ihrem Ex-Mann besteht freundschaftlicher Kontakt, doch als Paar hat es mit den beiden nicht mehr funktioniert. Sie schreibt ihm Briefe aus dem Haus an der Küste, in das sie sich zurückgezogen hat. Ob sie bleiben wird oder weiterziehen, das weiß sie nicht. Es ist ein Ausprobieren, ein Leben voller Fragezeichen, das sie nimmt, wie es kommt. Vielleicht ist es ein Neuanfang, vielleicht bleibt es ein Versuch.

An ihrem neuen Wohnort arbeitet sie in der Kneipe ihres Bruders, und sie lernt ihre Nachbarin Mimi kennen, die früher einmal ein Verhältnis mit dem Bruder hatte. Der jedoch ist jetzt in die junge Nike verliebt, die gerade einmal Anfang 20 ist, er ist mehr als doppelt so alt. Von Nike erfahren wir, wie eigentlich von allen Figuren im Roman, nur das Nötigste, wodurch sie ein Stück weit undurchdringlich bleiben. Diese Figuren sind aber allesamt nicht etwa blass, vielmehr ist es so, dass Hermann uns zeigt, dass wir vom anderen nie alles sehen, erfahren und verstehen können. Außerdem reichen die gegebenen Informationen aus, um uns ein Bild zu machen, denn man hat stets das Gefühl, sofort zu erfassen, worum es im Kern bei den jeweiligen Figuren geht, während etwas bleibt, das man noch zu entdecken hofft.

Doch wir werden nicht darauf gestoßen – wir werden hier auf nichts gestoßen, dazu ist „Daheim“ viel zu filigran und fein komponiert. Diese Geschichte, die stets mit großen Auslassungen arbeitet, fließt dahin und zieht schon nach ein paar Sätzen in ihren Bann. Zu Beginn erzählt uns die Hauptfigur von der Zeit vor fast 30 Jahren, als sie noch in der Stadt wohnte, in einer Zigarettenfabrik arbeitete und fast die Assistentin eines Zauberers wurde, der sie mit auf seine Tournee nehmen und in seinem Programm zersägen wollte. Doch sie blieb und ihr Leben verlief anders.

Nun lebt sie also allein in einem Haus, trifft sich mit Nachbarin Mimi und deren Bruder Arild, dem sie näher kommt, ohne dass das Verhältnis der beiden im Laufe des Romans ein Etikett erhalten würde. Hermann skizziert ihre Charaktere alle ein wenig skurril und alle liebenswert und überlässt es uns, was wir über sie denken wie überhaupt über das ganze Buch.

„Daheim“ ist ein sehr intensives Buch, das trotz seiner nicht einmal 200 Seiten prall gefüllt ist. Hermann schreibt atmosphärisch dicht und voller Melancholie über Aufbruch oder Bleiben, über die Frage, wie ihre Protagonistin leben will, nun, da sie für niemanden mehr verantwortlich ist, niemandem Rechenschaft schuldig ist. Sprachlich ist das sehr ausgefeilt, jedes Wort steht genau an der Stelle, an die es gehört, und keines ist zu viel, aber auch nicht zu wenig. Das ist in meinen Augen große Kunst. Hermanns Hauptfigur befindet sich in einem Zwischenzustand, und so, wie ihr Leben in der Schwebe ist, so ist es auch der ganze Roman, der andererseits sehr konkret von einem Leben auf dem Land im Zeichen von Landwirtschaft und Klimawandel erzählt. „Daheim“ ist ein intensiver, zutiefst melancholischer, hinreißender Roman.

Judith Hermann: Daheim, Fischer Verlag, 2021, 192 Seiten


2 Gedanken zu “Davor oder dazwischen – Judith Hermann: Daheim

  1. Ah, endlich bespricht mal jemand Literatur aus dem eigenen Land. *freu* Deine Rezension macht auf jeden Fall Lust auf dieses Werk, welches man früher vermutlich dem Realismus zugeordnet hätte (und heute möglicherweise auch noch dem Realismus zuordnet). Es freut mich, dass auch heute noch, abseits der Boulevardmedien mit ihrem Glanz und Glamour, hierzulande noch ehrliche unverbrauchte Prosa verfasst und offenbar auch gelesen wird.

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    1. Danke für deinen Kommentar! Aber ich habe gar nicht den Eindruck, dass Literatur aus Deutschland wenig besprochen wird? In jedem Fall ist Daheim eine Lektüre, die sich lohnt und hat mit Glanz und Glamour wirklich nicht viel zu tun :)

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