Was möglich wäre – Niña Weijers: Ich. Sie. Die Frau

Ich. Sie. Die FrauWahrscheinlich fragt sich jede*r von Zeit zu Zeit, wie der eigene Lebensweg hätte verlaufen können, wenn man sich an irgendeinem Punkt anders entschieden, eine andere Weggabelung genommen hätte. Oder wenn durch Zufall alles anders verlaufen wäre. Vielleicht wäre man an einem anderen Ort, sicherlich hätte man andere Menschen in seinem Leben. Vielleicht wäre man in einem anderen Beruf, wäre allein statt in einer Partnerschaft, wäre kinderlos oder nicht. Oder umgekehrt. Es ist ein Gedankenspiel, und alle nicht gegangenen Lebenswege bleiben dabei vage Möglichkeiten und treten hinter dem gelebten Leben zurück, egal, ob man zufrieden damit ist oder damit vielleicht hadert.

In „Ich. Sie. Die Frau“ ist es dieses Gedankenspiel, das die niederländische Autorin Niña Weijers immer weiter treibt. Ihre Protagonistin ist Schriftstellerin wie sie, doch darüber hinaus ersinnt Weijers verschiedene mögliche Lebenswege: Sie könnte mit einem Mann zusammenleben. Oder einen Sohn haben. Sich in eine Frau verlieben. Oder in einen Künstler, den sie kennenlernt. Sich einen Hund zulegen. Weijers spielt diese Möglichkeiten in ihrem Roman durch, dessen Originaltitel man mit „Räume Gegenräume“ übersetzen könnte, durchaus passend für diese Geschichte, die aus mehreren Geschichten besteht. Sie stehen sich gegenüber, greifen ineinander, bauen aufeinander auf.

Ganz leicht macht die Autorin es ihren Leser*innen dabei nicht. Die verschiedenen Lebensmöglichkeiten der Protagonistin gehen ineinander über, ohne dass wir immer wissen, wann und wo wir uns gerade befinden, eine Chronologie gibt es schon gar nicht – kann es ja auch nicht geben. Das macht die Lektüre teils diffus, doch andererseits ist dies auch wieder folgerichtig und soll wohl genauso sein.

Wirklich neu ist die Frage nach den möglichen, den nicht gegangenen Lebenswegen nicht. Schon „Lola rennt“ spielte mit der „Was wäre wenn“ – Frage, natürlich deutlich reduzierter, da auf einen kürzeren Zeitraum angelegt, doch auch hier haben die einzelnen Verläufe der gleichen Geschichte eine enorme Auswirkung auf das weitere Leben der Hauptfiguren, auch wenn das dann nicht mehr Thema des Films ist. Außerdem kommt einem natürlich der sehr umfangreiche (und von mir leider noch nicht gelesene) Roman „4 3 2 1“ von Paul Auster in den Sinn.

„Ich. Sie. Die Frau“ ist da deutlich reduzierter und das sicherlich auch nicht ohne Grund. Weijers fokussiert sich auf einen kürzeren Zeitraum und auf einzelne Aspekte, die sich auf die möglichen Beziehungen der Protagonistin und die Frage nach Kindern konzentrieren. Sie schafft lebendige Lebensentwürfe und starke Episoden, die ich gern gelesen habe, wenn das alles dann auch ein wenig verpufft und ausläuft, ohne dass mir ganz klar wäre, was eigentlich genau Weijers’ Anliegen mit diesem Roman war. Sie möchte das aufzeigen, was hätte sein können, doch die Einordnung der einzelnen Szenarien man muss man als Leser*in selbst übernehmen. Dagegen ist auch eigentlich nichts zu sagen, doch hier bleibt für mein Empfinden alles etwas zu vage.

Ganz deutlich war für mich außerdem nicht, dass es sich tatsächlich zwingend um immer die gleiche Protagonistin handelt. Der Roman ist teils so unkonkret, dass ich das Gefühl hatte, es hätte hier auch um sich vielleicht ähnelnde, aber durchaus verschiedene Frauen gehen können, statt um die Variationen des Lebens einer einzigen. Niña Weijers schreibt mit „Ich. Sie. Die Frau“ überzeugend verschiedene Lebenswege in atmosphärischen Episoden, am Ende bin ich dennoch ein wenig ratlos, so wenig greifbar bleibt ihr Roman für mich unterm Strich.

Niña Weijers: Ich. Sie. Die Frau, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Suhrkamp Verlag, 2021, 235 Seiten