Wutrede – Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Drei KameradinnenNach ihrem wunderbaren Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ ist nun endlich mit „Drei Kameradinnen“ der zweite Roman von Shida Bazyar erschienen. Und gleich vorweg: Ich schließe mich dem vielen Lob, das zu dem Roman zu vernehmen ist, an: Der Roman hat mich begeistert und das Buch wird sich sicher auf meiner Liste der Highlights dieses Jahres wieder finden.

Erzählt wird die Geschichte von Kasih, und sie beginnt irgendwo mittendrin, so dass man sich als Leser*in kurz orientieren muss. Erst einmal ist nur klar, dass es einen Brand gab, und dass Kasihs Freundin Saya in irgendeiner Form damit in Verbindung zu stehen scheint. Doch Kasih wirft uns nur ab und zu ein paar Brocken hin, macht hier und da immer wieder Andeutungen – die es andererseits aber gar nicht braucht, damit man weiter liest, denn ich habe mich in Bazyars Roman keine Minute gelangweilt. Alles, was Kasih sonst noch erzählt, ist ebenfalls von Bedeutung für die Geschichte um die Freundinnen und insgesamt für den Roman.

Zu ihnen dreien gehört neben Kasih und Saya auch noch Hani. Alle drei haben eine Migrationsgeschichte, doch Kasih tut uns den Gefallen nicht, uns zu sagen, wessen Wurzeln in welchem Land liegen oder wer außer deutsch noch welche andere Sprache spricht. Sie tut das ganz bewusst, denn sie richtet sich von Zeit zu Zeit direkt an uns, und das mit einer stets genau ausbalancierten Portion Provokation. Sie sagt uns direkt auf den Kopf zu, was wir über bestimmte Menschen, über Zustände, Situationen denken, und wir kommen dabei nicht besonders gut weg. Sie entlarvt unsere Vorurteile, sie entlarvt uns, unterstellt uns, dass wir uns sowieso nicht überzeugen lassen werden. Und doch bleibt sie, durchaus erstaunlich, eine Sympathieträgerin. Man mag Kasih und ihre direkte Art, muss ihr zugestehen, wo sie Recht hat, sieht, dass sie Dinge erlebt hat, die Spuren hinterlassen haben. Und dann taugt sie, auch wenn man wenig mit ihr gemein hat, sogar als Identifikationsfigur.

Kasih erzählt uns recht ungeordnet Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend, von dem, was sie mit Saya und Hani erlebt hat, die sie beide schon sehr lange kennt. Saya ist eine selbstbewusste und sehr wütende junge Frau, die den Rassismus, den sie immer wieder erfahren hat, nicht akzeptieren kann und will. Sie urteilt schnell über Menschen und ist dann oft gnadenlos. Sie ist nie um Argumente verlegen und versteht es, ihre „Gegner“ innerhalb kürzester Zeit durch ihre Schlagfertigkeit zum Schweigen zu bringen. Damit macht sie sich keine Freunde, doch Saya ist das egal. Kasih ist weniger schlagfertig als Saya und trägt zwar ebenso viel Wut in sich, wie die Freundin, doch sie ist weit weniger aggressiv und harmoniebedürftiger. Die dritte im Bunde, Hani, hat eher etwas Ausgleichendes, sie ist eine, die mit allen gut auskommt und die sich ihren Job in einer jungen Berliner Agentur mit „flachen Hierarchien“ hart erarbeitet hat und genau das auch ohne zu murren tut: hart arbeiten, nicht aufmucken, wenn alle anderen bei ihr abladen, was sie selbst nicht schaffen.

Es gibt sehr viele sehr eindrückliche Episoden in „Drei Kameradinnen“, etwa Kasihs Besuche im Jobcenter, in die sie anfangs noch Hoffnung setzt, schließlich hat sie ein Studium abgeschlossen und möchte nichts lieber, als endlich zu arbeiten, doch die Erfahrungen, die sie auf der Jobsuche macht, sind ernüchternd. Oder die Stelle im Roman, als sie sich vorstellt, wie es gewesen wäre, wenn sie und ihre Freundinnen eine Talkshow in den 90er Jahren besucht hätten. Sie lässt ihre Beziehung mit ihrem Ex-Freund Lukas Revue passieren und verdeutlicht, wie sich durch den Mann an ihrer Seite die Sicht der Menschen auf sie verändert hat. Schließlich und endlich läuft aber alles auf die Nacht hinaus, in der es den besagten Brand gegeben hat. Inzwischen hat Kasih uns so oft darauf hingewiesen, dass wir viel weniger verstehen, als wir vielleicht denken, dass alles möglich zu sein scheint.

„Drei Kameradinnen“ ist vor allen Dingen eins: differenziert. Das betrifft die Figurenzeichnung, denn die Freundinnen sind alles andere als eindimensional, immer schwingt da das Unvollkommene mit, ihre Zweifel, ihre Versuche, alles zu verstehen und einzuordnen – und über allem steht ihre Wut. Auch die einzelnen Situationen, die Kasih uns schildert, mögen zwar aus ihrer Sicht erzählt sein, doch auch andere Sichtweisen spielen immer mit hinein: Kasih weiß, dass es nicht immer so einfach ist, wie es vielleicht aussehen mag. Über allem steht jederzeit die Tatsache, dass der Blick auf die Welt und die Erfahrungen, die wir in ihr machen, sich sehr unterscheiden, je nachdem, ob wir eine Migrationsgeschichte haben oder nicht, je nachdem, ob wir so aussehen, als hätten wir eine oder nicht. „Drei Kameradinnen“ fordert dazu auf, nein, verlangt von uns, zu sehen, was wir oft gern übersehen möchten.

Ich habe bei der Lektüre manchmal an Juli Zehs neuen Roman „Über Menschen“ denken müssen, dem so oft bescheinigt wurde, dass er uns entlarve in unseren Vorurteilen, auch unserer Selbstgerechtigkeit, dass er uns zeige, dass die Dinge oftmals nicht so eindeutig sind, wie wir denken oder es gern hätten. Die Romane sind kaum vergleichbar, erzählen sehr unterschiedliche Geschichten, dennoch üben beide Kritik, die ich bei Zeh aber als deutlich grobschnittiger empfunden als im deutlich differenzierteren „Drei Kameradinnen“.

Shida Bazyar erzählt in „Drei Kameradinnen“ eine spannende Geschichte, die mitreißt und mitfühlen lässt, eine, die pointiert und komplex Missstände benennt. Sie schafft Figuren, denen man gern folgt, zieht schnell hinein in den Roman, sie zeigt in vielen verschiedenen Szenen das Leben in unserem Land und die Ungleichbehandlung an vielen Stellen. Mit Kasih schafft die Autorin eine Erzählerin, bei der man sich nie sicher sein kann, ob man ihr trauen kann. „Drei Kameradinnen“ ist eine Wutrede, und dennoch sehe ich bei Bazyars Heldin Hoffnung, auch wenn klar ist, dass es da viel gibt, an dem man verzweifeln könnte.

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2021, 352 Seiten


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