Der tote Vater – Laila Lalami: Die Anderen

Noras Vater wird eines Nachts auf der Straße vor seinem Diner von einem Auto überfahren und getötet. Der Fahrer des Wagens flieht, alles sieht nach einem Unfall mit Fahrerflucht aus. Nora aber glaubt nicht daran, sie ist sich sicher, dass Driss vorsätzlich getötet wurde und setzt alles daran, herauszufinden, was passiert ist.

Nora ist Komponistin und bisher wenig erfolgreich, während ihre Schwester Salma die Vorzeigetochter der aus Marokko eingewanderten Familie ist. Salma ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit ihrem Mann führt sie eine gut gehende Zahnarztpraxis. Noras und Salmas Mutter Maryam lässt Nora immer wieder wissen, dass Salma die Erfolgreichere der beiden ist, die Tochter, auf die man stolz sein kann, während Nora immer noch auf ihren Durchbruch hofft und auch sonst mit ihrem Lebensstil für die Mutter eher eine Enttäuschung ist. Driss dagegen hatte Nora nie das Gefühl gegeben, nicht zu genügen.

Nora kehrt nach dem Tod des Vaters in ihre Heimatstadt zurück, muss sich mit ihrer Schwester und ihrer Mutter auseinandersetzen, aber auch damit, dass ihr Vater offenbar Geheimnisse hatte und eine Seite, die Nora nicht kannte. Während sie nachforscht, begegnet sie ihrem Schulfreund Jeremy wieder, dem sie bald näher kommt, was Nora einerseits genießt, sie andererseits in ihrer Trauer aber auch überfordert.

Laila Lalami erzählt in „Die Anderen“ von dieser Familie nach dem Verlust und von ihrem Versuch, damit umzugehen. Dabei brechen alte Verletzungen auf und wir Leser*innen erfahren nach und nach mehr nicht nur über die Protagonisten in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit. Vor allem Noras Mutter versteht man im Laufe der Geschichte immer besser: Es hat sie sehr geprägt, dass sie ihr Heimatland verlassen musste und sie sehnt sich immer noch danach zurück. In den USA ist sie nie richtig angekommen, obwohl sie schon viele Jahre dort lebt.

Lalami lässt ihre Figuren kapitelweise und jeweils aus der Ich-Persepktive erzählen. Zu den genannten kommen noch einige hinzu, etwa die Kommissarin, die in dem Fall ermittelt oder der Besitzer der Bowlingbahn neben dem Diner, das Noras Vater gehörte. Hier erfahren wir jeweils ihre eigenen Geschichten, Ereignisse aus ihrem Alltag, vor allem natürlich das, was mit dem Tod von Driss und Noras Familie zusammenhängt, aber nicht nur. Diese Erzählweise macht den Roman sehr abwechslungsreich und spannend, nach und nach kommen neue Erkenntnisse ans Licht, die zur Aufklärung der Frage führen, ob Driss nun durch einen Unfall starb oder doch ermordet wurde und wie es überhaupt dazu kam. Andererseits, und das ist mein einziger wirklicher Kritikpunkt an „Die Anderen“, lassen sich all diese Figuren in Stil und Sprache fast gar nicht voneinander unterscheiden. Sie klingen alle mehr oder weniger gleich, und niemals hätte ich allein am Ton erkannt, wer eigentlich gerade erzählt. Im Laufe der Zeit hat mich das zwar immer weniger gestört, weil Lalami ihre Leser*innen immer stärker hineinzieht in den Roman, dennoch schmälert es meinen Gesamteindruck.

„Die Anderen“ erzählt also viel mehr als eine Kriminalgeschichte. Lalami erzählt auch von den Kränkungen in einer Familie und von den Versuchen, immer wieder zueinander zu finden, sie erzählt vor allem von einer jungen, etwas verlorenen Frau auf der Suche nach einem Plan für ihr Leben. Sie erzählt davon, welche Narben es hinterlässt, wenn man seine Heimat hinter sich lässt und ein neues Leben irgendwo beginnt, wo nichts so ist, wie man es gewöhnt ist, man sich ausgegrenzt, diskriminiert fühlt. Aus diesen und weiteren Zutaten spinnt die Autorin gekonnt eine fesselnde Geschichte, in die man für ein paar Lesestunden komplett versinken kann.

Laila Lalami: Die Anderen, aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Kein & Aber Verlag, 2021, 432 Seiten


2 Gedanken zu “Der tote Vater – Laila Lalami: Die Anderen

    1. Vielleicht, ja… wäre interessant, weil ich es schon sehr auffällig fand und es mich teilweise auch ziemlich gestört hat.

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