Vor der Apokalypse – Jenny Offill: Wetter

WetterLizzie ist Bibliothekarin. Sie hat einen Ehemann, einen Sohn, einen Bruder und sie kümmert sich um sie alle drei. Um das Haus, um Termine, ihre Ehe, darum, dass ihr Bruder seinen Entzug durchzieht. Und nun nimmt sie auch noch einen Nebenjob an: Zwar hat sie ihr eigenes Studium vor Jahren abgebrochen, zu ihrer ehemaligen Doktormutter hat sie aber noch Kontakt. Die betreibt einen apokalyptischen Podcast und Lizzie soll nun dabei helfen, die vielen Zuschriften, die die Freundin erhält, zu beantworten. Die, die da schreiben, kommen aus verschiedenen Richtungen, gemeinsam ist ihnen eine unterschiedlich stark ausgeprägte Sorge um die Zukunft des Planeten bis hin zu einer Angst vor der Apokalypse.

Eigentlich ist damit schon zusammengefasst, was aus der Ankündigung zu „Wetter“ von Jenny Offill hervorgeht, und damit auch das Wesentliche zum Inhalt. Wobei der Klappentext suggeriert, dass wir es mit einem spannenden Plot, einer sich zuspitzenden Handlung inklusive Höhepunkt zu tun haben. Das ist aber nicht das, was wir bei „Wetter“ bekommen – oder wenigstens nicht so, wie man es erwarten würde.

Das zeigt sich schon am Schriftbild: Das ohnehin eher schmale Buch bleibt an sehr vielen Stellen weiß. Es ist kein fortlaufender Text, es sind sehr viele, kurze Absätze, aus denen der Roman besteht. Einzelne Situationen, die Lizzie erlebt, Gedanken zu den Menschen in ihrem Leben, Beobachtungen aus ihrem Alltag. Eine Geschichte aus Schlaglichtern also, die für mich aber leider in diesem Fall nicht richtig funktioniert hat.

Eigentlich hat „Wetter“ vieles, das mir normalerweise gefällt, der Roman ist durchaus atmosphärisch und lässt Leerstellen, die ich als Leserin selbst füllen darf. Leider bleibt die Geschichte aber für mein Empfinden sehr diffus und schwammig. Eine spürbare Entwicklung findet nicht statt, die Handlung schreitet, wenn überhaupt, eher gemächlich voran, und vor allem bleiben nicht nur die Nebenfiguren um Lizzie blass, sondern vor allem sie selbst. Lizzie wird immer nur in Bezug auf ihre Beziehungen, auf Mann, Sohn und Bruder gezeigt, über diese Beziehungen definiert. Natürlich steckt auch darin eine starke Aussage, erzählt aber auf der anderen Seite wenig darüber, wie Lizzie denn nun wirklich ist.

So liest sich „Wetter“ für mich eher wie eine oftmals willkürlich wirkende Aneinanderreihung von Situationen, die nicht oder kaum aufeinander aufbauen, bei denen mir unklar bleibt, worauf Offill eigentlich genau hinaus will. Lizzies Beschäftigung als Beantworterin der Podcast-Leserbriefe nimmt nicht den Platz ein, den man durch die Buchschreibung erwarten könnte und alles scheint irgendwie zu verpuffen.

Im Feuilleton gibt es einige begeisterte Stimmen zu Jenny Offills Roman, auch der feine Humor der Autorin wird dort immer wieder hervorgehoben. Mir erschien der Roman sehr vielversprechend, gerade in Bezug auf Thema und Form, letztlich ist er aber eher an mir vorbeigezogen und hinterlässt hauptsächlich Ratlosigkeit.

Jenny Offill: Wetter, aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz, Piper Verlag, 2021, 224 Seiten


7 Gedanken zu “Vor der Apokalypse – Jenny Offill: Wetter

  1. Mir ging es sehr ähnlich damit*. Und wie in so vielen Fällen ist mal wieder zu beobachten, dass das professionelle Feuilleton lobt oder schweigt. Buchblogs sind da, zB in den letzten Twitter-Debatten, mE noch viel zu defensiv. Kritik heißt nicht höflich Werbung machen. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie es überhaupt sein kann, dass ein Roman X:0 positive Kritiken bekommt. Und dann noch so ein… nennen wir es mal… experimenteller. Selbst von einem Avantgarde-Meisterwerk… kA, etwas vom Kaliber von „Mrs Dalloway“ oder „Jazz“ sollte man erwarten, dass es Kritiken gibt, die es negativ aufnehmen. Und bei so einem Tagebuchfetzten-Roman? Nur Lob & Schweigen…

    * https://soerenheim.wordpress.com/2021/04/14/dunne-handlung-ohne-rettende-sprache-form-wetter-von-jenny-offil-wirkt-wie-ein-tagebuch-ohne-pointe/

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    1. Twitter verfolge ich nicht wirklich, generell wird auf Blogs mehr gelobt als verrissen, das stimmt schon, bzw. das ist auf den Blogs, die ich so lese, durchaus auch so. Ist aber bei mir ja auch nicht anders, ich schreibe auch lieber gut über ein Buch und versuche, wenn mir mal was nicht gefällt, diplomatisch zu sein und zu betonen, dass es ja nur meine Meinung ist. Vielleicht geht es anderen ja auch so, ist halt unangenehm, sollte es natürlich nicht sein, das stimmt. Allerdings ist es im Feuilleton schon nochmal was anderes, da könnte man durchaus kritischere Stimmen erwarten. Muss ich mal mehr drauf achten.

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      1. mE ist das Feuilleton deutlich unkritischer als Blogs (UND Rezensionen bei Amazon, Lovelybooks usw). Natürlich nicht die offenkundigen Kunterbunte-Buchwelt-Werbeblogs. Kritischer nicht nur im Sinne von bereiter, negatives zu schreiben, sondern im Sinn von „dem Werk auf den Grund gehen“. Wie oft erlebt man es denn noch, dass eine Feuilleton-Rezension etwas fundiertes zu Sprache oder Form sagt UND es dann vll sogar an einem Textbeispiel diskutiert? Es ist doch verrückt. Jeder weiß, dass selbst Thomas Mann Schwächen hatte, jeder ist bereit, zuzugeben, das Ulysses hier und da kräftig in die Tonne greift und man benennt das auch. Aber bei diesen ganzen neueren E-Literatur-Produkten, mit denen Verlage die Regale füllen, soll es keine erwähnenswerten Schwächen geben?
        Eine Ausnahme wird gemacht: Ist ein Exemplar zum Abschuss freigegeben, dann dürfen alle. Im Moment wird Zeh (mE zu Recht) viel kritisiert, aber die Schwächen sind ja jetzt nicht plötzlich neu. Zuletzt war es Takis Würger, dessen schwer Erträglicher Nazikitsch allerdings vergessen zu machen schien, welch lange Tradition diese Art von Literatur in Deutschland hat.

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  2. Danke für diese „Warnung“. Der Klappentext klingt tatsächlich recht ansprechend, aber Deine Kritikpunkte schrecken mich doch eher ab. Ich glaube nicht, dass ich mit dem Buch besonders viel Freude hätte.

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