Heimkehr und alter Schmerz – Katja Kettu: Die Unbezwingbare

Die Unbezwingbare„Die Unbezwingbare“ erzählt von Lempi, der Tochter einer Ojibwe und eines Finnen, die nach langer Zeit zurückkehrt in das Reservat in Minnesota, in dem sie aufgewachsen ist. Dort verschwand ihre Mutter Rose vor 45 Jahren, ihr Verschwinden wurde nie aufgeklärt. Lempis Vater Ettu hat seine Frau wieder und wieder bei der Polizei als vermisst gemeldet, aber viel Mühe hat man sich mit der Suche nach ihr nicht gegeben. Generell werden Verbrechen an den indigen Frauen eher abgetan und ignoriert. Rose wollte sich damit nicht abfinden und stellte Nachforschungen zu vermissten Mädchen an, womit sie sich in Gefahr brachte. Lempi schreibt nun in der Gegenwart Briefe an einen Mann namens Jim Graupelz, in den sie damals, vor einem halben Leben, verliebt war.

Leicht macht Kettu einem die Lektüre ihres Romans nicht: Ich war durch das Schwebende, Unkonkrete, die nicht fassbare Stimmung, die „Die Unbezwingbare“ auszeichnet, oft verwirrt, und hatte mehrmals das Gefühl, mir entgehe etwas. Der Roman ist aber auch einer von denen, bei denen ich mir sicher bin, dass das allein an mir lag, dass ich mich manchmal einfach hätte besser einlassen müssen auf die Geschichte, und vor allem auf Kettus so besondere Sprache. Sie schreibt ausschweifend und ausschmückend, voller Andeutungen. So hatte ich zwar manchmal das Gefühl, dass mir etwas entgeht, gleichzeitig war ich aber wie im Rausch und hatte das Gefühl, dass der Roman etwas ganz Besonderes ist. Sicher würde es sich lohnen, „Die Unbezwingbare“ ein zweites Mal zu lesen.

Kettus Roman ist ein schmerzliches Buch, in dem die Trauer auf jeder Seite zu spüren ist. Die Trauer Lempis, die aber stellvertretend steht für die vieler Anderer. Kettu zeigt uns, wie es ist, das Leben im Reservat, wenn Lebensentwürfe und Kulturen aufeinandertreffen, in einem Umfeld, in dem Frauen immer noch wenig wert sind. Da ist viel Ungesagtes, viel nicht Aufgearbeitetes, das immer mitschwingt. Mein Text zu diesem Roman fällt ungewohnt kurz aus und auch ich bleibe eher unkonkret, nur nicht darin, dass ich Katja Kettus „Die Unbezwingbare“ allen, die ich bis hierhin nicht völlig abgeschreckt habe, sehr zur Lektüre empfehlen möchte.

Katja Kettu: Die Unbezwingbare, aus dem Finnischen von Angela Plöger, ECCO Verlag, 2021, 336 Seiten


7 Gedanken zu “Heimkehr und alter Schmerz – Katja Kettu: Die Unbezwingbare

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar! Aber eigentlich zweifle ich gar nicht, ich finde den Roman ja sehr gut, nur eben teils unkonkret, was ich aber nicht negativ empfinde. :)

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  1. Ich habe gerade damit begonnen und kann verstehen, was du in deiner Besprechung meinst. Interessant auch, dass es nach Gstreins Roman, den du ja auch gelesen hast, in dem ja auch Frauen verschwinden/ermordet werden, aber in Mexiko, jetzt schon das dritte Buch in diesem Frühjahr ist mit diesem Thema. Denn auch Patricia Melos „Gestapelte Frauen“ bearbeitet dieses Thema, nur mit den Indigenen in Brasilien und es hat auch so eine mystische Aura. Da scheint noch viel im Argen zu liegen und es ist ja auch gut, dass Autorinnen diese Themen aufarbeiten.
    Viele Grüße!

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    1. Mir hat der Roman ja gut gefallen und ich meine es auch gar nicht negativ, dass er manchmal unkonkret ist oder eine mystische Aura hat, im Gegenteil. Von „Gestapelte Frauen“ habe ich auch gehört und der Roman ist eigentlich auch auf meiner „Möchte-gern-lesen-Liste“, ich habe nur ein wenig das Gefühl, dass er noch deprimierender, gewalttätiger, trostlos sein könnte, was mich gerade etwas abschreckt. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben und ich bin schon gespannt auf Deine Meinung. Viele Grüße zurück!

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