Leben am Kotti – Julia Rothenburg: Mond über Beton

Mond über BetonDie Gegend rund um das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg hat keinen guten Ruf. Es ist dort heruntergekommen und verwohnt. „Wer hier aus der U-Bahn steigt, ist selbst schuld.“, so wird Die Welt aus einem Artikel aus dem Jahr 2016 zu Beginn des Romans zitiert. Wie schlimm es wirklich ist, darüber gehen die Meinungen sicherlich auseinander, Fakt ist jedenfalls, dass am Kotti viel Leben ist, dass hier viel Armut und Scheitern zu finden ist, vor dem man als Vorbeigehender aber meistens lieber die Augen verschließt.

Julia Rothenburg sieht in ihrem neuen Roman „Mond über Beton“ genauer hin. Im und am NKZ Kreuzberg, inzwischen Zentrum Kreuzberg genannt, einem Gebäudekomplex, der sich über dem Kottbusser Tor, über Supermarkt, Drogerie und Gemüsestand erstreckt, leben ihre Figuren ihre sorgenvollen Leben, die sich im Laufe der Geschichte berühren werden.

Zum Beispiel Mutlu, der seit dem Tod seiner Frau mit der Erziehung seiner beiden Söhne überfordert ist, und dessen Leiden zu einer Art Lebensunfähigkeit führt, die mich sehr gerührt hat und die Mutlu letztlich zu meiner Lieblingsfigur in „Mond über Beton“ gemacht hat. Seine Nichte Aylin hilft Mutlu, wo sie kann, versucht, zu verhindern, dass ihre Cousins auf die schiefe Bahn geraten, hat aber selbst genug zu tun mit ihren zwei Jobs und der Frage, wo das eigentlich alles hinführen soll in ihrem Leben.

Stanca kommt ursprünglich aus Rumänien und hat jede Menge Mietschulden angehäuft, die sie hofft, durch die Untervermietung eines ihrer Zimmer an einen jungen Mann in den Griff zu bekommen. Seit sie Witwe ist, ist sie wie übriggeblieben in dem ihr immer noch etwas fremden Land. Die Altlinken Marianne und Günther leben schon lange hier und beschließen, eine Bürgerwehr ins Leben zu rufen und etwas gegen die allgegenwärtige Kriminalität zu tun. Und Ario ist ein eher untypischer Obdachloser, der noch einiges mehr auf die Reihe kriegt als andere und der plötzlich seinen „Engel“ entdeckt, eine junge Frau, die ihn fasziniert und die er nicht mehr aus den Augen lässt.

Durch den stetigen Wechsel der Perspektiven ist „Mond über Beton“ sehr kurzweilig, Rothenburg erzählt mit wachsendem Tempo, so dass man als Leser*in schnell das Gefühl hat, das alles laufe auf einen Höhepunkt zu. Sprachlich empfand ich das als durchaus authentisch, wenn die einzelnen Figuren sich auch teils noch mehr voneinander hätten abgrenzen dürfen. Die sehr oft plötzlich abbrechenden Sätze erfüllen ihren Zweck, sie treiben die Geschichte voran, zeigen, wie sehr alles vorwärts drängt.

Davon abgesehen ist „Mond über Beton“ ein atmosphärischer Ausflug in diese Welt rund um den Kotti und in an einen Ort, den es sicher in den meisten anderen Städten so oder ähnlich ebenfalls gibt, so dass man sich alles auch dann gut vorstellen kann, wenn man den beschriebenen Ort nicht persönlich kennt.

Gut gefallen haben mir auch die Zeitungsartikel, die einzelnen Kapiteln vorangestellt werden und die Einblicke geben in das Leben am Ort des Geschehens sowie die Passagen, in denen das Gebäude selbst spricht, zu den Leser*innen, zu einem nicht näher definierten Publikum. So wird dem Betonklotz Leben eingehaucht, er agiert fast wie ein Mensch. Bei „Mond über Beton“ geht es meiner Meinung nach hauptsächlich um ein Gefühl und eine Stimmung, und vor allem um die Menschen, die durch das Raster zu fallen drohen. Sie entscheiden sich in ihrer Herkunft und ihrer Biographie, sind ganz unterschiedliche Typen, doch jede und jeder von ihnen scheint auf eigene Weise auf der Strecke geblieben. Julia Rothenburg macht sie sichtbar. In „Mond über Beton“ gibt sie den Leidtragenden der Gentrifizierung Gesichter und Stimmen, und sie weiß dabei zu fesseln.

Julia Rothenburg: Mond über Beton, Frankfurter Verlagsanstalt, 2021, 320 Seiten


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