Schleifen – Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

In „Adas Raum“, dem Debütroman von Sharon Dodua Otoo, spielen „Schleifen“ eine größere, wenn auch vage Rolle. Die Kapitel sind damit überschrieben, es sind „die ersten“ oder „die nächsten Schleifen“ und dann gibt es noch die dazwischen. Dass das erstmal etwas kryptisch wirkt und man nicht so recht weiß, was es mit diesen Schleifen eigentlich auf sich hat, passt gut zum gesamten Roman.

Es ist nicht eine Ada, um die es geht, es sind gleich vier: Eine Ada lebt in Ghana im 15. Jahrhundert, die zweite hat in London im 19. Jahrhundert ein Verhältnis mit Charles Dickens, die nächste prostituiert sich 1945 im KZ in Dachau, die letzte schließlich ist eine Schwarze Schwangere im gegenwärtigen Berlin auf Wohnungssuche. Dabei erzählt Otoo keineswegs chronologisch, sondern wechselt zwischen den verschiedenen Adas hin und her, teils auch kaum merklich und unerwartet und ohne eine wie auch immer geartete Ankündigung.

Auch die Erzählperspektive wechselt dabei, denn es sind nicht die Adas selbst, die erzählen, sondern Gegenstände wie ein Besen, ein Reisepass oder gleich ein ganzes Zimmer. Die verschiedenen Adas haben dabei auch einiges gemeinsam, und jede einzelne porträtierte Ada erlebt auf ihre Weise Ungleichbehandlung, Rassismus und Sexismus. Da die Geschichte so durchlässig ist, verschwimmen die einzelnen Frauen teils miteinander, alles hängt irgendwie zusammen, wiederholt sich, Raum und Zeit spielen keine Rolle und die Schleifen symbolisieren natürlich auch auf einfachste Weise Unendlichkeit. Ein Perlenarmband spielt darüber hinaus bei allen vier Adas eine Rolle und ist so etwas wie ein wiederkehrendes Requisit.

Bei so viel Durchlässigkeit und auch durchaus Unklarheit ist Otoos Sprache klar und einfach. „Adas Raum“ hat mich durch den ungewöhnlichen Aufbau teils gefesselt, manchmal bin ich aber auch schlichtweg verloren gegangen im Romanlabyrinth. Was über die einzelnen Frauen, über ihre Persönlichkeiten zu lesen ist, ist dann auch eher wenig, es gibt kaum Handlung, die sich entwickelt, auf sie kommt es der Autorin wohl auch nicht an. Vielmehr sind es Bestandsaufnahmen, ein Aufzeigen von Charakteristika im Leben der jeweiligen Frauen.

Ich habe mich treiben lassen durch Otoos ambitionierten Roman, in dem alles irgendwie miteinander zusammenhängt und in dem die porträtierten Frauen einiges zu erleiden haben – auch wenn mir deren Schicksal nicht so nah ging, wie man es angesichts dessen, was sie erleben, hätte erwarten können. Die einzelnen Adas haben wenig an sich, das sie unverwechselbar machen würde, die Form steht hier eindeutig über der Handlung. Vielleicht wirkt der Roman auch deshalb inzwischen, das heißt einige Zeit nach Beenden meiner Lektüre, nicht mehr allzu stark nach.

Otoos Roman, der nach ihrem Gewinn des Bachmannpreises 2016 mit Spannung erwartet wurde, wird vielerorts sehr gelobt, teils auch scharf kritisiert. Ich kann beide Haltungen nachvollziehen und befinde mich wohl irgendwo in der Mitte. Ich habe „Adas Raum“ nicht ungern gelesen, allein schon, weil sich der Roman durch seine ungewöhnliche Form von vielem anderen abhebt. Andererseits geht das Konzept für mich nicht ganz auf, hat mich die Geschichte nur teilweise gepackt. „Adas Raum“ ist ungewöhnlich und experimentierfreudig, sicher kein Allerwelts- oder Wohlfühlroman, sondern einer, der seine Leser*innen herausfordert und ihnen etwas zumutet, und das spricht sicher für das Buch. Alles andere möge jede und jeder selbst für sich entscheiden.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum, Fischer Verlag, 2021, 320 Seiten