Trauer und Glückseligkeit – Meg Mason: Was wir wollen

Heute erscheinen die ersten Bücher im neu gegründeten ECCO Verlag, einem Verlag, in dem ausschließlich Frauen Bücher verlegen, die ausschließlich von Frauen geschrieben wurden. Romane, die, so ist es zu lesen, die Macherinnen selbst lesen wollen. Und da Bücher von Frauen immer noch weniger Aufmerksamkeit bekommen als die von männlichen Autoren, da sie weniger verlegt und besprochen werden, haben sich die Gründerinnen des Verlags dafür entschieden, diesem Ungleichgewicht entgegenwirken zu wollen.

Meg Masons Roman „Was wir wollen“ ist, analog zum Ziel des Verlags, genau so ein Roman, wie ich ihn lesen möchte. Dabei fangen Buchbeschreibung und Klappentext nur wenig von dem ein, was den Roman letztlich ausmacht, der viel mehr ist als eine Geschichte um eine Frau, die irgendwie unglücklich in ihrer Ehe ist und nicht weiß, ob sie Kinder bekommen möchte oder nicht. Nicht, dass das nicht genug Stoff für eine gute Geschichte böte. Aber „Was wir wollen“ ist so viel mehr als das.

Am Beginn des Romans steht ein Ende: Ich-Erzählerin Martha wird 40, sie ist kinderlos und seit langem mit Patrick verheiratet. Die beiden kennen sich, seit sie Teenager sind, Patrick ist ein Freund von Marthas Cousin. Es dauert lange, bis sie ein Paar werden, doch Martha und Patrick sind zunächst einmal sehr glücklich. Die Ehe steckt nun aber schon sehr lange in der Krise und kurz nach Marthas 40. Geburtstag verlässt Patrick seine Frau. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir Leser*innen noch nicht, was dazu geführt hat, doch nun erzählt uns Martha ihre Lebensgeschichte von Anfang an und nach und nach wird das Bild einerseits klarer, andererseits aber viel komplexer.

Marthas Kindheit ist schwierig. Die Eltern verdienen wenig Geld, sie scheinen unfähig, sich um die beiden Töchter zu kümmern. Die Mutter trinkt. Vielleicht hat Martha auch deshalb ein sehr enges Verhältnis zu ihrer etwas jüngeren Schwester Ingrid, die Situation schweißt zusammen. Später wird die Mutter einmal zu Martha über Ingrid sagen, dass Martha die große Liebe ihrer Schwester sei. Die beiden verstehen sich oftmals ohne Worte, es gibt jede Menge Insider zwischen ihnen, Schlagabtausche, die man mit denen führt, die einem am nächsten stehen. Die Dialoge zwischen den beiden sind oftmals sehr witzig und originell, die Beschreibung der Beziehung dieser beiden Schwestern ist insgesamt großartig.

Im Jugendalter hat Martha zum ersten Mal Phasen, in denen es ihr schlecht geht, ohne dass sie wüsste, was genau mit ihr los ist. Sie ist traurig, antriebslos, hat Suizidgedanken, depressive Verstimmungen. Zu diesem Zeitpunkt beginnt sie auch, verschiedene Ärzte und Therapeuten aufzusuchen, die sie anhand von Fragebögen diagnostizieren und Tabletten verschreiben. Die sie eher abhandeln, als sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die Phasen kommen und gehen, sie gehören zu Marthas Leben dazu.

Mason nähert sich der Krankheit ihrer Protagonistin so behutsam wie klug an. Ihr Leiden bleibt einerseits diffus, andererseits findet die Autorin Worte dafür, die treffen, gerade in ihrer Uneindeutigkeit. Zum Beispiel als Martha einmal sagt, sie habe das Gefühl, nicht gut darin zu sein, ein Mensch zu sein. Es scheine ihr schwerer zu fallen, am Leben zu sein, als anderen Menschen. (S. 189)

Meg Masons besondere Art, Marthas Geschichte zu erzählen, zeigt sich aber auch durch ihren Humor und den Wechsel bzw. die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichsten Stimmungen. Immer wieder sind es einzelne Sätze, Halbsätze, unerwartet, witzig und originell, die mich bei der Lektüre gepackt haben, dann plötzlich wieder eine tiefe Traurigkeit und Melancholie und das manchmal auf engstem Raum. Es ist schmerzlich zu lesen, wie Martha ihren Mann behandelt, obwohl sie in jedem Moment weiß, dass es falsch ist und man sich noch an die liebevollen Beobachtungen vom Beginn des Romans erinnert. Als sie vermeintlich banale Worte sagte, über seine Haare oder seine Hände, Worte, die über das Gesagte weit hinaus reichten.

„Ich war so glücklich für sie und wusste nicht, wie ich es überleben sollte.“ S. 173

So lebt „Was wir wollen“ von seiner ständigen Ambivalenz. Martha löst nicht nur bei den anderen Figuren des Romans gemischte Gefühle aus, sondern sicher auch bei ihren Leser*innen. Der Roman ist eine sehr gelungene Annäherung daran, wie es ist oder sein kann, psychisch krank zu sein und er lässt auch die Angehörigen nicht außen vor. Martha geht durch einen langen, schwierigen Prozess. Und auch die Frage nach Mutterschaft und Kinderwunsch sind plötzlich wieder ganz präsent. „Was wir wollen“ ist auch ein Eheroman und die Tatsache, dass niemand je weiß, wie die Ehe von anderen wirklich von innen aussieht, ein Roman über Liebe, Familie und Freundschaft. Oft berührend, doch niemals auch nur ansatzweise kitschig.

Bei mir hat „Was wir wollen“ (im Original sehr treffend „Sorrow and Bliss“) einen Nerv getroffen, ich war begeistert und bewegt von dieser Geschichte, die sehr viele Facetten hat. Ein Buch, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche und ein Roman, der sicher in meinen Highlights des Jahres auftauchen wird.

Meg Mason: Was wir wollen, aus dem Englischen von Yasemin Dinçer, ECCO Verlag, 2021, 416 Seiten