Das Schlimmste – Norbert Gstrein: Der zweite Jakob

Der erste Jakob ist wenig präsent, er bleibt für lange Zeit eine etwas mysteriöse Figur im Abseits, doch an ihr muss sich Jakob Thurner, Hauptfigur des neuen Romans von Norbert Gstrein und somit „Der zweite Jakob“ immer wieder messen. Jener erste Jakob ist sein inzwischen betagter Onkel, der in der Kindheit des Protagonisten stets als Negativbeispiel angeführt wurde nach dem Motto: So wird es mit dir enden, wenn du den Kopf nicht aus den Wolken kriegst. Jakob ist also die Kopie eines Originals, das nicht einmal im positiven Licht dasteht, ein Original, das nicht zu erreichen das Ziel ist.

Dabei ist Jakob nicht einmal sein richtiger Name, doch sein eigentlicher Name ist nicht aussprechbar. Wir erfahren ihn nicht. Die Worte „Gestirn“ lassen sich aus ihm bilden, so ist zu lesen, was auch bedeutet, dass anders umgebaut „Gstrein“ daraus wird. Ein kleiner Hinwies darauf, dass „Der zweite Jakob“ eine Spielerei mit Identität ist, die viel tiefer geht als es hier den Anschein haben mag. Auch Jakob ist Spieler, Schauspieler nämlich. Seine größten Rollen waren die von Frauenmördern.

Am Anfang steht eine Frage, die Jakobs Tochter ihm stellt: Was denn das Schlimmste sei, das er jemals getan habe? Der Vater weiß die Antwort sofort, zu groß ist das, was er sich zu Schulden hat kommen lassen, vor vielen Jahren bei Dreharbeiten an der mexikanischen Grenze. Statt Luzies Frage abzutun, etwas zu erfinden oder vom Thema abzulenken, sagt er ihr die Wahrheit: Er habe zwar niemanden ermordet, auch niemanden in den Suizid getrieben, doch sei er Beifahrer gewesen bei einem Unfall, bei dem eine Frau ums Leben kam. Statt zu helfen und die Polizei zu rufen, seien sie, eine Kollegin und er, einfach weiter gefahren. Die Schuld verfolgt ihn.

Luzie reagiert verstört auf das Geständnis ihres Vaters, distanziert sich, die Beziehung der beiden wird auf die Probe gestellt. Dies passiert in den Monaten vor Jakobs 60. Geburtstag, zu dessen Anlass es eine Biographie über Jakob geben soll. Bei den Besuchen des Journalisten, der mit dem Schreiben des Buchs beauftragt wurde, ist auch Luzie anwesend, sie hört zu und schneidet die Gespräche zwischen Jakob und Elmar Pflegerl mit.

„Der zweite Jakob“ ist ein sehr komplexer Roman, der auf so gekonnte wie elegante Weise die verschiedenen Handlungsstränge parallel weiterführt, ohne sich jemals in ihnen zu verheddern. Erzählt wird auf zwei Ebenen, einmal in der Gegenwart in der Zeit vor Jakobs rundem Geburtstag, alternierend dazu schildert der Protagonist die Ereignisse während der Dreharbeiten an der mexikanischen Grenze. Gstrein schreibt lange, melodische Sätze, die einen völlig hineinziehen in die Geschichte, außerdem schafft er eine permanente Grundspannung: Er lässt uns Leser*innen nicht vom Haken. Gstreins Erzählerfigur – Jakob erzählt aus der Ich-Perspektive – ist eine hochinteressante Persönlichkeit, einer, der sich so einnehmend zu präsentieren weiß, dass man droht, ihm auf den Leim zu gehen, und nur nebenbei zu bemerken, wie unzuverlässig er als Erzähler eigentlich ist. Schauspieler wissen eben, wie man sich verstellt. Dabei ist Jakob keinesfalls ein uneingeschränkter Sympathieträger.

Sein anstehender 60. Geburtstag ist für ihn eine Zäsur, denn „Natürlich will niemand 60 werden.“, so lautet der erste Satz des Romans. Da stellt sich dann auch die Frage, ob man einem Leben als Biograf eigentlich schematisch beikommen kann, wie Pflegerl es versucht. Jakob zieht Bilanz: Was hat er erlebt? Was kann noch kommen? In den Fokus rückt dabei stark die Beziehung zu seiner Tochter: Welche Fehler haben er und seine Exfrau in der Erziehung gemacht? Und wieso fällt das Loslassen eigentlich so schwer? Teils geht Jakob durchaus auch mit sich hart ins Gericht. Es ist spürbar, dass er sich teils selbst verachtet, was er aber andererseits gut zu verdrängen weiß.

Ich bin ein Fan von Norbert Gstreins Büchern und habe seine letzten Romane alle mit Gewinn gelesen. Sein neues Buch scheint mir noch einmal komplexer, und da es sich so leicht liest, könnte man leicht übersehen, wie geschickt es konstruiert ist und wie der Autor uns Leser*innen durchaus auch manipuliert. Sprachlich ist das alles ein Genuss. Die Szenen am Filmset sind so plastisch geschildert, dass sie vor dem geistigen Auge genauso wirken: Wie ein Film. Einziger Wermutstropfen für mich ist, dass ich bei der Lektüre lange das Gefühl hatte, die Geschichte würde auf etwas zusteuern, das dann nicht eingelöst wurde. Mit etwas Abstand ist die überwältigende Wirkung des Romans aber das Entscheidende. Lest Norbert Gstrein. Es lohnt sich.

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob, Hanser Verlag, 2021, 448 Seiten