Die Welt suchen – Yvonne Adhiambo Owuor: Das Meer der Libellen

Yvonne Adhiambo Owuors Roman „Das Meer der Libellen“ wollte ich lesen, weil mir ihr Erstling „Der Tag, an dem die Reise endet“ so gut gefallen hat – übrigens das erste Buch, über das ich hier auf dem Blog vor fast fünf Jahren überhaupt geschrieben habe. Der neue Roman ist um einiges umfangreicher als Owuors Debüt und in ihm erzählt die kenianische Autorin von der jungen Ayaana und ihrem Leben.

Ayaana wächst auf der Insel Pate vor der Küste Kenias bei ihrer Mutter Munira auf. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, und Munira hält sich über ihn bedeckt. Mutter und Tochter haben eine sehr enge Beziehung, doch Ayaana sehnt sich nach einer Vaterfigur, die sie schließlich in Muhidin findet, einem Matrosen, den es nach Pate verschlägt, wo er dann auch bleibt. Später erreicht auch Muhidins Sohn die Insel, und die vier werden so etwas wie eine Familie, die aber auch einige Probleme zu bewältigen hat.

Als Ayaana fast erwachsen ist, ergibt sich für sie die Möglichkeit, als eine Art Botschafterin nach China zu gehen und zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Kenia und China beizutragen. Für Ayaana eine große Chance und eine Herausforderung, die ihr einiges abverlangen wird. Bevor sie in ihrem Leben irgendwo richtig „ankommen“ kann, wird es sie auch noch in die Türkei verschlagen und sie wird einige Erfahrungen machen, positive wie negative, auch in Bezug auf Männer.

Vielleicht liegt es am erwähnten Umfang des Romans – er hat etwas über 600 Seiten – dass die Handlung nur schwer in Gang kommt, dass ich über weit mehr als 100 Seiten das Gefühl hatte, eine Art Einleitung zu lesen. Auch verliert sich die Geschichte manchmal ein wenig, obwohl Owuor zweifellos eine gute Erzählerin ist und den Plot auszuschmücken weiß – für meinen Geschmack vielleicht etwas zu sehr.

Alles scheint ein wenig zeitlos, oftmals musste ich mich daran erinnern, dass der Roman nicht vor 50 oder 100 Jahren spielt, sondern in jüngerer Vergangenheit. Es gibt wenig Anhaltspunkte, an denen man sich orientieren könnte, und es ist ein einfaches Leben, das die Protagonist*innen führen, eines, in dem der technische Fortschritt erst einmal keine große Rolle spielt.

Die Autorin nimmt sich also viel Zeit, um die Entwicklung ihrer Heldin zu erzählen und dabei die Beziehung der Länder untereinander mit in den Fokus zu nehmen, vor allem aber die Emanzipation Ayaanas. Das alles teils ausschweifend und in oft sinnlicher Sprache. Owuor macht deutlich, was die starke Bindung an die Heimat und das Verlassen dieser Heimat für die junge Frau bedeuten, wie sie sich auf der Suche nach mehr in ihrem Leben oft auch verloren fühlt und sich immer wieder auf ihren Ursprung zurückbesinnt. Auffällig ist dabei, dass Ayaana als Figur dennoch ein wenig blass bleibt, dass wir gar nicht so viel darüber erfahren, wie sie eigentlich ist.

„Das Meer der Libellen“ ist ein ambitionierter Roman, der über Globalisierung, kulturelles Erbe und Identitätsfindung erzählt. Mir war das teilweise zu lang, zu wenig stringent, die Geschichte verliert sich ein paar Mal zu oft. Andererseits ist „Das Meer der Libellen“ der sinnliche Roman einer Geschichtenerzählerin, die sich nicht scheut, ihre eigenen Wege zu gehen und die uns hinausführt in eine Welt, die sich zu entdecken lohnt.

Yvonne Adhiambo Owuor: Das Meer der Libellen, aus dem Englischen von Simone Jakob, Dumont Verlag, 2020, 608 Seiten