Wie lange währt die Finsternis? – Dana Grigorcea: Die nicht sterben

Selten hat mich ein Roman einerseits so verwirrt und verstört, andererseits so fasziniert und in seinen Bann gezogen wie Dana Grigorceas „Die nicht sterben“. Lange wusste ich nicht, wohin mich die Geschichte führen würde und konnte trotzdem nicht aufhören, zu lesen.

Eine Künstlerin kehrt in das Dorf B. in Rumänien zurück, irgendwo an der Grenze zu Transsilvanien. Viele Kindheitserinnerungen verbinden sie mit dem alten Haus ihrer Großtante, die sie nur „Mamargot“ nennt und zu der sie ein enges Verhältnis hat, während der Roman die Beziehung der Protagonistin zu ihren Eltern bewusst ausspart. Der Kommunismus ist Vergangenheit, seine Auswirkungen aber deutlich spürbar.

Die Ich-Erzählerin lässt uns teilhaben an Erlebnissen aus der Vergangenheit und ihre Erinnerungen an sie, wie auch an all das, das sie nun erlebt, als sie heimkehrt, an diesen Ort, der sich natürlich sehr verändert hat im Laufe der Zeit. Viele Kindheitsfreunde sind weggegangen, nur wenige sind geblieben. Und dann wird irgendwann eine übel zugerichtete Leiche gefunden und Dracula kommt ins Spiel, bzw. Vlad der Pfähler, auf den die Legende um Graf Dracula zurückgeht. Er soll ein grausamer und unerbittlicher Herrscher gewesen sein, der kurzen Prozess machte mit allen, die sich ihm widersetzten. Die Schilderungen der von ihm bevorzugten Art der Hinrichtung, des Pfählens, die im Roman zu finden sind, sind nichts für zarte Gemüter.

Über die Handlung viel zu sagen, ist schwierig, und ich lese das Buch so, dass das ganze Drumherum, die ausgefeilte Sprache, der sehr geschliffene Ton, die teils unheimliche Atmosphäre, die über allem liegt, mindestens genauso wichtig sind, wie das, was auf der Plotebene passiert. Ansonsten bleibt Vieles vage und verschwommen, irgendwo zwischen Realität und Traum. So erfahren wir auch wenig über die Ich-Erzählerin an sich, außer ein paar biographischer Daten, doch wie sie eigentlich wirklich ist, ihr Charakter, was sie sonst noch umtreibt, bleibt einigermaßen im Dunkeln – und das ist wiederum im Dienst der Geschichte, in der alles so schwebend-verwirrend ist. Und das, obwohl die Erzählerin die Leser*innen direkt anspricht und das Erzählte teilweise kommentiert und auch erklärt, warum sie was auf welche Weise erzählt. „Die nicht sterben“ ist einer dieser Romane, bei denen ich nach Beenden der Lektüre denke, dass ich ihn gleich noch einmal lesen sollte und möchte, um auf die Suche zu gehen nach dem, was mir beim ersten Mal vielleicht entgangen ist.

Der Roman hat viele Ebenen. Auf der einen Seite ist es eine Familiengeschichte, auf der anderen schreibt Grigorcea nicht nur über die Untoten an sich, sondern auch über das Untote in der Gesellschaft, über den Umgang mit der Vergangenheit, die immer auch in der Gegenwart spürbar bleibt, die sich nicht „begraben“ lässt. Es geht um das heutige Rumänien, doch was hier gilt, gilt auch für andere Gesellschaften, in denen Klassenunterschiede dafür sorgen, dass viele auf der Strecke bleiben. Und all das findet gleichzeitig auf einer großen, umfassenden Ebene statt wie auch im Kleinen, wenn es um die Erlebnisse der Protagonistin und ihr Umfeld geht. Interessant ist auch, was über den Umgang mit dem Tod und den Verstorbenen in Rumänien zu lesen ist.

So ist „Die nicht sterben“ tatsächlich eines der verwirrendsten Bücher, die ich vermutlich je gelesen habe, eines, das mir einige Rätsel aufgibt. Eines, das mir eigentlich in Teilen viel zu brutal ist, das mich in besonderem Maße selbst Antworten finden lässt auf meine Fragen oder mich animiert, diese Fragen einfach offen zu lassen. Eines, das durch seine unheimliche Atmosphäre in den Bann zieht. „Die nicht sterben“ ist ein ganz besonderer Roman, der in Sprache in Ton überzeugt, der viele Themen zusammenbringt, so geheimnisvoll wie faszinierend und sicher eines meiner Highlights dieses Jahr.

Dana Grigorcea: Die nicht sterben, Penguin Verlag, 2021, 272 Seiten


6 Gedanken zu “Wie lange währt die Finsternis? – Dana Grigorcea: Die nicht sterben

  1. Danke für die tolle Rezension! Um das Buch tigere ich herum, seit ich es in der Vorschau gesehen habe (fühlte mich in der Beschreibung ein wenig an Kostovas „Der Historiker“ erinnert) und war mir nicht sicher, ob ich es kaufen soll. Das hat sich jetzt geändert. Ich werde es mir wohl gönnen müssen. :-)

    LG aus der kriminellen Gasse
    Stefan

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    1. „Der Historiker“ kenne ich nicht… muss ich mal schauen. Dies hier ist schon speziell, da wird es sicher auch Leserinnen und Leser geben, die damit nichts anfangen können, andererseits trifft das ja eigentlich auf jedes Buch zu… bin gespannt, ob es dich auch „kriegt“ :) viele Grüße!

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  2. Das klingt echt interessant. Warum erfahre ich von den besten Random-House-Titeln immer erst über Blogs…?
    Irgendwie ist mein Bloggerportal falsch kalibriert. Ich bekomme da meist nur Kitsch empfohlen.
    Habs mir jetzt mal bestellt.

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    1. Ich schaue mir die Vorschläge im Portal nur ab und zu mal an, ich orientiere mich hauptsächlich an den Vorschauen… naja und später kommen dann natürlich noch andere Titel durch Empfehlungen, andere Blogs etc. hinzu. Bin gespannt, was du hierzu sagen wirst.

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