Afghanistan im Zentrum – Eva Munz: Oder sind es Sterne

Wenn es um Afghanistan geht, sind die spontanen Assoziationen klar: Krieg, die Herrschaft der Taliban, strenge religiöse Regeln, und das Gefühl, dass es ein unsicheres Land ist. Und außerdem eines, das wir hauptsächlich aus den Nachrichten kennen. Ich habe versucht, zu recherchieren, welche Romane ich schon gelesen habe, die ganz oder teilweise in Afghanistan spielen, aber es waren wohl nur die beiden bekanntesten Bücher Khaled Hosseinis, „Drachenläufer“ und „Tausend strahlende Sonnen“. Beides ist sehr lang her, so dass ich mir nicht sicher bin, ob ich sie heute auch noch mögen würde. Nun kommt ein neuer Roman dazu: „Oder sind es Sterne“ von Eva Munz.

Es ist das Jahr 2001. Die Autorin nähert sich der Lage in Afghanistan mit Hilfe dreier Figuren an, aus deren Sicht der Roman abwechselnd erzählt wird. Da ist zunächst Sameer, ein Teenager, der in einem Waisenhaus in Kabul aufwächst. Er hält seine Mutter für tot und außerdem für eine Hure, die sich von einem Sowjet „hat nehmen lassen“ und daraufhin schwanger wurde. So erklären sich auch seine grünen Augen und roten Haare, mit denen er in seinem Umfeld natürlich auffällt. Sameer ist sehr fromm und weiß wenig von der Welt außerhalb seines muslimischen Glaubens und dem, was er täglich hört und sieht.

Sein Onkel Hasir ist Exil-Afghane und lebt in Paris. Bisher hat er Sameer hauptsächlich finanziell unterstützt, einerseits mit einem schlechten Gewissen, andererseits möchte er sich ungern in seinem bequemen Leben stören lassen. Ab und zu fliegt er aber nach Afghanistan, weil er das Business seines Vaters übernommen hat und vor Ort nach dem Rechten sehen muss, und bei diesen Gelegenheiten besucht er seinen Neffen und macht ihm Geschenke. Nun hat er sich allerdings in den Kopf gesetzt, Sameer und seine Mutter, Hasirs Schwester, wieder zusammenzubringen. Sie ist nicht tot, wie dem Jungen gesagt wurde, sondern lebt in L.A. und will von ihrem Sohn eigentlich nichts wissen. Schon lange hat sie versucht, mit ihrer Vergangenheit abzuschließen.

Die dritte Hauptfigur ist Leutnant Ryder, ein US-Marine aus San Diego, der für einen Elite-Einsatz in Afghanistan ausgebildet wird. Ryder ist verheiratet, die Ehe ist aber nicht glücklich. Dass die drei Erzählstränge sich früher oder später berühren werden, ist bei der Lektüre des Romans eigentlich von vornherein klar. Wie es dazu kommt, davon erzählt Eva Munz in „Oder sind es Sterne“, vor dem Hintergrund der Geschehnisse rund um den 11. September und seiner Folgen.

Die drei Erzählstränge unterscheiden sich nicht nur durch den jeweils unterschiedlichen Ton, sondern auch durch die Perspektive. So erzählt Sameer aus der Ich-Perspektive, so dass uns die Gedanken des Teenagers besonders nah sind, während die Autorin für Hasir die ungewöhnlichere Du-Perspektive gewählt hat. Über Ryder wird in der dritten Person erzählt.

Immer wieder erklingt an den verschiedenen Orten der Hit „Survivor“ von Destiny’s Child, der 2001 überall zu hören war, so auch in der Umgebung der drei Hauptfiguren des Romans. Hier eine tiefere Bedeutung hineinzuinterpretieren, liegt nah, für mich ist der Song eher eine Klammer, der die Geschichte ein Stück weit zusammenhält. Munz bringt viele Themen unter, sie schreibt über Religion, über die Bedeutung der Familie und ihren Zusammenhalt, auch über Freundschaft und über Schuld. Auf der einen Seite sind einige Geschehnisse für mein Empfinden dabei ein wenig konstruiert, andere wieder eher vorhersehbar. Die Geschichte liest sich aber spannend genug, um darüber hinwegzusehen.

Dennoch, irgendetwas fehlt mir in diesem Roman, das ich allerdings nicht recht festmachen kann, auch nachdem bereits einige Tage seit Beenden der Lektüre vergangen sind. Oftmals wird das Bild nach einiger Zeit klarer, verschiebt sich etwas aus der Distanz oder erscheint in anderem Licht, diesmal bin ich etwas ratlos. Vielleicht waren mir die Figuren ein wenig zu sehr auf eingefahrenen Pfaden unterwegs, denn obwohl ich bisher wenig über Afghanistan gelesen habe, so doch über die Region, und da hielt die Geschichte wenig Neues bereit. Auffällig ist natürlich auch, dass alle drei Hauptfiguren männlich sind, wofür sich plausible Gründe finden lassen, dennoch hätte ich eine weibliche Perspektive interessant gefunden. Am Ende ist es wahrscheinlich nur etwas Persönliches, das niemanden davon abhalten sollte, zu diesem Buch zu greifen. Daher kann nur dazu ermutigen, „Oder sind es Sterne“ zu lesen und sich selbst ein Bild zu machen.

Eva Munz: Oder sind es Sterne, Kunstmann Verlag, 2021, 300 Seiten


2 Gedanken zu “Afghanistan im Zentrum – Eva Munz: Oder sind es Sterne

    1. Hm ich weiß nicht… vielleicht sollten sie sich sehr unterscheiden, aber eine zündende Idee habe ich nicht… Du denn?

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