Kali Studies – Mithu Sanyal: Identitti

„Hautfarbe hat rein gar nichts mit race zu tun, und das wisst ihr!“ S. 243

Mein Exemplar von Mithu Sanyals gerade bei Hanser erschienenem Roman „Identitti“ ist übersät mit Klebezetteln, sehr viele Stellen habe ich mir markiert, um sie später noch einmal wieder zu finden, um die vielen vielen Informationen, die Denkanstöße, die Argumente, mit denen ich im Laufe der Lektüre konfrontiert wurde, noch einmal Revue passieren lassen zu können. Und ich habe noch nicht einmal alles markiert, was es wert ist, noch einmal darüber nachzudenken. „Identitti“ erzählt von Rassismus und „race“, von Identität und von Sexismus, und all das, was zur Zeit diese Themen betreffend bei uns teilweise sehr emotional diskutiert wird, fließt ein in diese einerseits so komplexe und differenzierte Geschichte, die andererseits ein großer, kluger Spaß ist.

Erzählt wird der Roman aus der Sicht Niveditas, sie ist 26, Tochter eines Inders und einer Deutschen mit polnischen Wurzeln. In Deutschland aufgewachsen, hadert Nivedita schon ihr ganzes Leben mit der Frage nach ihrer Identität. Was ist an ihr indisch? Was ist deutsch und was ist überhaupt mit der polnischen Linie ihrer Herkunft, um die sie sich lange überhaupt nicht gekümmert hat, wie ihr irgendwann auffällt? Nivedita war immer irgendwie „dazwischen“, gehörte nirgends richtig hin. Ihre Cousine Priti dagegen ist „ganz“ indisch, worum Nivedita sie beneidet. Sie lebt in Großbritannien und kommt schließlich zum Studium nach Düsseldorf, wo auch Nivedita studiert und zwar bei der Star-Professorin Saraswati im Studiengang Postcolonial Studies.

Saraswati ist in ihren Kreisen eine Berühmtheit, eine Radikale, die die weißen Student*innen in ihrem Seminar einfach mal nur wegen ihre Hautfarbe aus dem Seminar ausschließt. Eine selbstbewusste, charismatische Frau, die kaum aus der Ruhe zu bringen ist. Zu Beginn des Romans platzt die Bombe: Saraswati ist gar keine Inderin, sie ist weiß! Sie hat ihre Hautfarbe geändert. Über sie bricht ein Shitstorm herein, man ist entrüstet und verlangt Konsequenzen. Nivedita ist dagegen vor allem persönlich gekränkt. Eine Weiße erklärt ihr, wie es ist, Opfer von Rassismus zu sein? Wie konnte Saraswati sie anlügen, ihre Mentorin, diejenige, bei der Nivedita sich endlich verstanden und ein Stück weit heimisch gefühlt hat?

„Identitti“ erzählt nun von den Versuchen Niveditas, Antworten von Saraswati zu bekommen, doch Mithu Sanyal erzählt noch so viel mehr, dass es wahrscheinlich gar nicht möglich ist, alle Aspekte des Romans hier unterzubringen.

Nivedita betreibt einen Blog, auf dem sie unter dem Namen „Identitti“ über Sexismus, Rassismus und andere Themen, die sie interessieren, schreibt. Durch den Blog ist auch sie keine Unbekannte, und als Saraswatis Lieblingsstudentin wird sie wie diese zum Ziel des Hasses, zumal sie sich weigert, die Professorin öffentlich zu verurteilen und stattdessen nach Antworten sucht. Sehr gelungen und witzig sind Niveditas „Selbstgespräche“ mit Kali, der hinduistischen Göttin der Zerstörung (aber auch der Erneuerung), die sich immer dann einschaltet, wenn Nivedita gerade nicht mehr weiter weiß oder schlicht verwirrt ist.

Andererseits ist es auch anrührend, zu beobachten, wie verloren Nivedita eigentlich ist in ihrer ganz persönlichen Identitätssuche, die so viele Facetten hat. Hier kommen auch ihre Beziehungen zu Freundinnen und zu ihrer Familie ins Spiel, sowie die eher ungesunde On-Off-Beziehung, die sie gerade führt. Auffallend ist auch, dass ihr aus Indien stammender Vater im Roman kaum Raum einnimmt, außer als er einmal feststellt, dass es in seiner Jugend noch „richtigen“ Rassismus gab im Gegensatz zum „Sonnenschein-Rassismus“ heute.

Auf jeder Seite dieses wunderbaren, klugen und witzigen Romans geht es in irgendeiner Form um Identität. Wie definieren wir uns? Was ist das überhaupt, Identität? Wer bestimmt darüber, was und wer wie sein wollen und dürfen? Wann gelangen wir mit unserer Sprache an Grenzen (Spoiler: sehr schnell)? Und das alles ist so dicht und ausgeklügelt, dass ich zwar nicht jedem Gedankengang und jeder Argumentation gleich folgen konnte, aber wahnsinnig viele Denkanstöße mitgenommen habe. Sanyal schreibt außerdem sehr schlagfertige, gelungene Dialoge, teilweise richtige Schlagabtausche, die beim Lesen Spaß machen. Und auch die Ironie, die so oft durchblitzt, nimmt dem Ganzen die Verbissenheit und die Schwere.

Die Autorin hat, so erfahren wir im Nachwort, die Tweets, die im Roman zu finden sind, nicht selbst erfunden, sondern die zitierten Personen darum gebeten, ihr Tweets zu „schenken“, Tweets, die diese vielleicht geschrieben hätten, wenn es einen Fall Saraswati wirklich bei uns gegeben hätte (es gab ähnliche Fälle außerhalb Deutschlands). Man glaubt, ihnen das anzumerken, und ein bisschen kratzt der Roman an diesen Stellen an der Wirklichkeit.

Trotz der teils ernsten Themen und des intellektuellen Diskurs artet die Lektüre niemals in „Arbeit“ aus. Das liegt daran, dass „Identitti“ so originell ist, dass der Roman letztlich ein menschenfreundliches Buch ist, dass Sanyal zwar mit Humor auf ihre Figuren schaut, sie aber niemals vorführt oder auf sie herabsieht. Dass „Identitti“ bei aller gesellschaftlicher Brisanz auch eine Geschichte um Familie, Freundschaft und Liebe ist, um die Beziehungen zu denen, die uns am nächsten sind, um Verständnis füreinander und um Verzeihen. Und das ohne jeden Kitsch. Ein großartiger Roman.

„Das war das Problem: Sobald man anfing, über Identität nachzudenken, fächerte sich die Wirklichkeit in so viele Dimensionen auf, dass es keine richtigen Worte mehr für sie gab.“ S. 46

Mithu Sanyal: Identitti, Hanser Verlag, 2021, 432 Seiten