Psychologie des Tötens – Yishai Sarid: Siegerin

„Ich mag psychiatrische Kliniken nicht. Sie sind die Endstation, die Mülldeponie, das Abbild meines Misserfolgs.“ S. 188

Abigail arbeitet als Psychologin beim Militär. Sie beschäftigt sich mit der „Psychologie des Tötens“, bereitet Soldaten auf den Kampf vor und darauf, im Krieg zu funktionieren. Den Feind ohne Skrupel zu töten, und später möglichst keine Traumata davonzutragen. Sie ist überzeugt von sich und dem, was sie tut. Fordert sie ein besonders gewiefter Soldat in einem ihrer Trainings heraus und stellt ihre Methoden und Ansichten in Frage, ist sie nie um eine Antwort verlegen. Sie ist es gewöhnt, sich selbst zu analysieren und kommt dabei meistens zu einer positiven Schlussfolgerung. Den Misserfolg, den sie im vorangestellten Zitat anspricht, blendet sie die meiste Zeit aus oder versucht es zumindest.

Privat ist es ein bisschen schwieriger für Abigail, auch wenn sie das wahrscheinlich nicht zugeben würde: Ihr Vater ist selbst Psychologe und ein Kritiker ihrer Arbeit für das Militär, er hat nie verstanden, wieso seine hochintelligente Tochter sich nicht für eine andere Arbeit oder zumindest einen anderen Arbeitgeber entschieden hat. Die beiden haben ein enges Verhältnis, geraten aber auch oft aneinander.

Mit Anfang 30 hat sich Abigail bewusst dazu entschieden, ein Kind zu bekommen und allein aufzuziehen. Ihrem Sohn Schauli hat sie nie gesagt, wer sein Vater ist. Der ist ein hohes Tier bei der Armee, hat Frau und Kinder und eine Karriere, so dass es auch in seinem Interesse ist, dass niemand von seiner Vaterschaft weiß. Schauli geht nun ebenfalls zum Militär und Abigail weiß nur zu gut, was das bedeutet und dass es schon bald gefährlich für ihn werden könnte.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich eingelesen hatte in „Siegerin“, dem neuen Roman von Yishai Sarid. Das lag unter anderem daran, dass der Autor weniger eine zusammenhängende Geschichte erzählt, sondern es eigentlich eher Episoden aus dem Leben Abigails sind, durch die wir Leser*innen sie mit der Zeit immer besser kennenlernen. Auch hatte ich zunächst meine Probleme mit ihr als Figur, empfand sie zuweilen als selbstgerecht, da sie niemals an sich zu zweifeln schien, und stets davon überzeugt, richtig zu liegen. Natürlich muss eine Frau, die Soldaten psychisch aufs Töten vorbereitet, fokussiert sein, stark und eher unemotional, und das noch einmal mehr als Frau zwischen Männern. Dennoch, mir haben zunächst die Zwischentöne gefehlt, es hat eine Weile gedauert, bis Abigail menschlicher und greifbarer für mich wurde. Auch die Entscheidung, bewusst ein Kind zu bekommen, dem sie den Vater vorenthält, könnte man als Zeichen ihres Egoismus werten.  Schauli ist, als die Geschichte einsetzt, fast erwachsen und das, was ihm in seiner Kindheit gefehlt hat, ist nicht mehr aufzuholen. Sympathie für eine Romanfigur ist natürlich kein Qualitätskriterium für einen Roman, allerdings hilft es, wenn man ihr Handeln verstehen und nachvollziehen kann.

„Siegerin“ erzählt aber auch von Menschen in Abigails Umfeld, auch sie haben auf unterschiedliche Weise mit dem Militär zu tun. Eine ihrer Patientinnen zum Beispiel, die als eine der wenigen Frauen Hubschrauberpilotin beim Militär wurde und die an einem Härtetest zu Beginn der Ausbildung fast zerbrach. Oder ein älterer Freund Abigails, dessen Reaktionen auf die schwer zu verarbeiteten Ereignisse im Kampf dazu führten, dass die Beziehung zu seiner Tochter unwiderruflich zerbrochen zu sein scheint.

So umkreist der Roman die Frage, was es mit Menschen macht, die im Kampf töten. Die töten müssen, um nicht selbst getötet zu werden. In Israel ist der Krieg immer zum Greifen nah und damit auch die Möglichkeit, darin umzukommen. Wie trainiert man das, wir wird man im entscheidenden Moment zur Maschine, wie lebt man später mit dem, was man getan hat? Und, in Form von Abigail: Wie reagiert man, wenn man all die Kriterien, die man zuvor schon zigfach auf andere Soldaten angewandt hat, plötzlich auf den eigenen Sohn anwenden muss? Und wenn dann plötzlich doch Gefühle ins Spiel kommen, die man möglichst außen vor lassen wollte und sollte. Und das Beherrschende plötzlich die so grundsätzliche, ursprüngliche Angst einer Mutter ist, ihren Sohn zu verlieren?

„Siegerin“ war mir letztlich ein wenig zu episodenhaft, es hat mir etwas zu lange gedauert, bis der Roman wusste, wo er hin wollte, auch sprachlich empfand ich ihn teilweise etwas holprig und unelegant. Insgesamt aber eine nachdenklich machende, teils auch spannende Geschichte und ein Einblick in ein Leben stets am Rande des Kriegs und in die Auswirkungen des Nahostkonflikts, einerseits so normal und alltäglich, andererseits alles andere als das.

Yishai Sarid: Siegerin, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Kein & Aber Verlag, 2021, 240 Seiten


2 Gedanken zu “Psychologie des Tötens – Yishai Sarid: Siegerin

  1. Sehr spannend klingt dieser Roman. Mein Großvater war Soldat und obwohl er darüber geschrieben hat, mit Aussparung an Kampfeinsätzen, sondern „nur“ als Memoir seiner allg. Erlebnisse, gab es Situationen, z.B. als ich mir einen Antikriegsfilm (logischerweise sehr brutal) mit ihm anschauen wollte da er zurückwich, weil er sich dem nicht mehr aussetzen wollte/konnte. Er unterstützte auch die damalige Verweihgerung seines Sohnes serh engagiert, hielt Kontakt zu alten Kameraden, aber eher wie ein glücklich Überlebender, niemals als Befürworter. Er hielt die Soldaten die PTBS hatten für verweichlicht. Was er aber den ganzen nachfolgenden Generationen zuschrieb, immer mit einem Teil Genugtuung darüber, dass sie es sich leisten können so zu sein. An ihm war, auch wenn er damit zurechtkam deutlich zu sehen, was das mit einem Menschen machen kann.

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    1. Mich hat der Roman auch sehr angesprochen und ich wollte ihn gleich lesen. Für mich hat er nicht hundertprozentig funktioniert, oder vielleicht hatte ich auch einfach etwas anderes erwartet… aber das könnte bei dir ja anders sein. Wobei es nicht so viel um die Traumata geht in dem Sinne, dass man viel über Betroffene, also nach Einsätzen, lesen würde, sondern ob und wie man sie verhindern kann. Vielen Dank für deine Einblicke zu deinem Großvater, das ist interessant- und auch furchtbar, wie sich das durch komplette Leben zieht und sie immer wieder ja auch kaputt macht. Viele Grüße!

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