Frauenleben – Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Über „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo war schon in den letzten Wochen sehr viel zu lesen und das Buch wurde schon etliche Male vor diverse Kameras gehalten, bevor es jetzt bei uns erschienen ist. Der Roman, der in Korea bereits 2016 herauskam, trifft nicht nur bei uns ganz offenbar einen Nerv. Und obwohl das Geschilderte keineswegs irgendetwas Neues zutage fördern würde, so scheint es – leider – nach wie vor nötig zu sein, auf genau die beschriebenen Dinge immer wieder hinzuweisen.

Der Roman beginnt im Jahr 2015, als Jiyoung 33 Jahre alt ist, verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter. Ihren Job hat sie aufgegeben, um für ihr Kind da zu sein. Jiyoung beginnt plötzlich, sich seltsam zu benehmen und sich offenbar für verschiedene andere Frauen aus ihrem Umfeld zu halten. Sie spricht zu ihrem Mann in der Rolle ihrer eigenen Schwiegermutter oder als alte Unifreundin, die vor einiger Zeit gestorben ist. Jiyoungs Mann versteht nicht, was mit seiner Frau los ist, und als sie sich auch während eines Besuchs bei seiner Familie so merkwürdig benimmt, überfordert ihn das Verhalten seiner Frau, die außerdem jegliche Regeln des Respekts missachtet. Er packt sie also ins Auto und fährt mit ihr heim, im Versuch, sie und ihr Befinden vor der urteilsstarken Außenwelt zu verstecken. Und wir Leser*innen gehen zurück an den Start von Jiyoungs Leben, das nun folgend chronologisch von der Kindheit an über die Jugend bis zum Erwachsenenalter erzählt wird. Um somit einer Antwort auf die Frage näher zu kommen, wie es zu ihrer jetzigen Verfassung kommen konnte.

Dabei ziehen sich eine systematische Benachteiligung und die misogyne Behandlung Jiyoungs durch ihr komplettes Leben: Ihr erster „Fehler“ ist, dass sie, nachdem die Eltern bereits eine Tochter haben, als Mädchen auf die Welt kommt, hatten sich doch alle sehr einen Jungen gewünscht und auch die Mutter damit enorm unter Druck gesetzt. So sehr, dass diese später, als sie mit ihrem dritten Kind schwanger ist und die Untersuchungen ergeben, dass es wieder ein Mädchen wird, eine Abtreibung vornimmt. Jiyoungs lang ersehnter kleiner Bruder wird dann einige Jahre später geboren. Und er wird von klein auf seinen Schwestern gegenüber bevorzugt werden.

Im Laufe des Romans lesen wir nun von vielen weiteren Geschehnissen, einige mögen für sich genommen vielleicht nicht gravierend wirken (doch wo soll man die Grenze ziehen?), andere sind eindeutige sexuelle Belästigungen, und in der Summe ergibt sich ein niederschmetterndes Bild von Frauenfeindlichkeit, der sich die Hauptfigur (und mit ihr andere Mädchen und Frauen) wieder und wieder ausgesetzt sieht. Da wird sie nach dem Nachhilfeunterricht von einem Jungen verfolgt, der behauptet, sie habe ihn doch angelächelt und behandle ihn nun für ihn völlig ungerechtfertigt wie einen Stalker. Da entscheidet sich Jiyoungs ältere Schwester für ein Lehramtsstudium, nachdem die Mutter so lange auf sie eingeredet hat, dass dies für sie als Frau das Beste sei, bis die Schwester glaubt, es sei ihre eigene Entscheidung gewesen, dabei hatte sie eigentlich ganz andere Pläne. Die einschneidendsten Erfahrungen aber macht Jiyoung, als sie beginnt, eine Arbeit zu suchen. Als sie viele Bewerbungen schreibt, ohne auch nur eine Antwort zu erhalten. Als sie schließlich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird und kurze Zeit später wie erwartet eine Absage erhält. Die Schuld sucht sie bei sich und ihrer offenbar „falschen“ Antwort auf eine Frage im Gespräch, die so unangebracht wie übergriffig war.

Sowieso wird den Frauen im Roman stets vermittelt, dass die Schuld bei ihnen selbst zu suchen sei: Die falsche Antwort, das falsche Outfit, das falsche Benehmen. Und diese Vorwürfe kommen auch von denen, die es eigentlich besser wissen sollten, wie Jiyoungs Mutter, die weitergibt, was sie selbst erfahren hat (und die leider völlig nachvollziehbar resigniert hat), oder einem, der genauer hinsehen und sie bekräftigen sollte in ihrem Handeln: ihrem Vater.

Auch wenn die Situation in Korea noch dramatischer sein dürfte als es hier der Fall ist – darauf weisen auch die erläuternden Fußnoten hin – so geschieht vieles von dem, was Jiyoung und ihren Freundinnen passiert, auch bei uns. Kaum eine Frau, die den Roman liest, wird sich nicht irgendwo wieder finden, sondern wird Situationen wieder erkennen. Und wenn zu lesen ist, dass der Roman in vielen Ländern Furore gemacht hat, dann zeigt das leider, dass wir hier nicht von etwas lesen, das ein alter Hut wäre.

Dabei passt der etwas technische anmutende Titel des Romans gut zu seinem Inhalt, denn so, wie Jiyoung hier nur messbar-objektiv und allgemein eingefangen wird, so erhält die Figur auch den gesamten Roman hindurch kaum Eigenarten oder Charakteristika, die sie einzigartig machen würden. Vielmehr steht sie für alle anderen Frauen, denen Gleiches oder Ähnliches widerfährt. Das ist sicher auch so gewollt, doch liest es sich ein bisschen so, als habe die Autorin ihre Themen der Reihe nach abgehandelt und hinter jedes dann einen Haken gesetzt. Auch gibt es einige eher berichtende Passagen, die die Autoren mit Statistiken untermauert. Insgesamt schreibt Cho Nam-Joo sehr nüchtern und schnörkellos, wenig subtil, ab und zu holpert die Sprache ein wenig. Das liest sich insgesamt etwas blutleer, auch für Ironie oder Sarkasmus bleibt kein Platz, vielmehr stellt sich die Autorin mit dem Ernst hinter ihre Sache, der ihr auch gebührt. Ihre Aussage steht für sie im Vordergrund. Vielleicht wäre eine andere Form als ein Roman dem besser gerecht geworden? In jedem Fall ist „Kim Jiyoung, geboren 1982“ ein wichtiges Buch mit einem ebenso wichtigen Anliegen.

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982, aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2021, 208 Seiten


6 Gedanken zu “Frauenleben – Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

    1. Die Vegetarierin habe ich nicht gelesen, also keinen Vergleich. Zu Kim Jiyoung habe ich bisher nur Gutes gehört und gelesen und das Buch hat sicher seine Berechtigung …

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