Leben in Kamtschatka – Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde

Am Anfang steht ein Verbrechen: Die jungen Schwestern Aljona und Sofija verschwinden spurlos. Die Suche nach den beiden und die Ermittlungen ergeben nichts. Auf Kamtschatka, einer russischen Halbinsel in Nordostasien, kann man eigentlich nicht so leicht unbemerkt verschwinden. Doch es vergehen erst Wochen, dann Monate, ohne dass eine Spur der Mädchen gefunden wird.

Kamtschatka ist dünn besiedelt. Hauptsächlich leben dort Russen, doch es gibt eine indigene Minderheit. Immer noch kommt es zu Spannungen zwischen den Gruppen, die auch in „Das Verschwinden der Erde“ eine Rolle spielen.

Wir begleiten die Figuren des Romans nach dem Verschwinden der Mädchen durch ein ganzes Jahr. Monat für Monat lernen wir neue Menschen kennen, die zum Teil miteinander in Verbindung stehen und die mehr oder weniger vom Verschwinden der Mädchen betroffen sind, wenn auch oft nur in sehr geringem Maße. So geht es schon bald gar nicht mehr um den Kriminalfall, sondern um das Leben der Frauen, die im Mittelpunkt stehen, ihr Leben in einer noch immer patriarchalisch bestimmten Gesellschaft.

Welche Auswirkungen diese Strukturen haben, wird zum Beispiel im Kapitel um Ksjuscha deutlich. Mit einem Stipendium hat sie den Heimatort für ihr Studium verlassen und damit auch ihren Freund, Ruslan. Dieser tut alles, um sie auch über die Entfernung zu kontrollieren, und für sie ist das völlig in Ordnung und normal. Doch Ksjuscha, die an der Uni mit ihrer Cousine zusammenwohnt, wird sich dennoch ein Stück Leben ohne ihren Freund erringen, als sie in eine Tanzgruppe geht, in der nur Nachfahren von Ureinwohnern aufgenommen werden, wie sie selbst. Ksjuscha schließt dort Freundschaft mit Tschander, der ganz anders ist als Ruslan und bei dem sie sich geborgen fühlt.

Wir lernen weitere Frauen kennen: Rewmira, die sehr jung ihren ersten Mann verloren hat und an seinem Todestag immer noch um ihn trauert, obwohl sie seit langem wieder und glücklich verheiratet ist. Oder Nadja, die ihren Freund mit ihrer Tochter verlässt und ausgerechnet zu ihren Eltern flieht, um festzustellen, dass sie eigentlich gar nicht weiß, wo sie leben könnte oder wollte, wenn nicht bei ihm.

Der Aufbau des Romans, einzelne, lose miteinander verwobene Geschichten zu einem großen Ganzen zu vermengen, findet sich recht häufig. Zum Beispiel in den Büchern von Elizabeth Strout und Kent Haruf, beides Lieblingsautor*innen von mir, sowie in dem vor kurzem bei uns erschienenen und preisgekrönten Roman „Mädchen, Frau etc.“ Meinem Empfinden nach gelingt dies bei allen genannten besser als hier, sind die Verbindungen zwischen den Protagonisten klarer und zwingender, beherrschen sie die Kunst, innerhalb kürzester Zeit in ein neues Leben hineinzuziehen, besser als es bei Julia Phillips der Fall ist. Gerade im Mittelteil gibt es einige Längen, die Geschichte entfernt sich sehr weit von der Ausgangslage, in der es ja um einen dramatischen Kriminalfall geht, der aber fast keine Rolle mehr spielt. Warum also das Verschwinden der Mädchen überhaupt an den Beginn stellen?

Im Großen und Ganzen habe ich „Das Verschwinden der Erde“ nicht ungern gelesen, der Roman unterhält und gibt Einblicke in das Leben auf einem eher unbekannten Fleck unserer Welt, wobei mir einige der Kapitel gut gefallen haben. Durch die porträtierten Frauen erfahren wir Interessantes über eine Gegend, die durch das Zusammenleben von einer weißen Mehrheit und einer indigenen Minderheit geprägt ist und in der auch heute noch sehr traditionelle Vorstellungen bestehen. Dennoch sind die einzelnen Geschichten unterschiedlich stark, unterschiedlich zwingend, mit der Zeit fügen sie dem Roman immer weniger Neues hinzu. Die Verbindungen untereinander und auch zum Verschwinden der Mädchen sind teils sehr schwach, der Fall und seine Aufklärung spielen eine untergeordnete Rolle, was ich anders erwartet hatte. So konnte mich der Roman nur teilweise überzeugen.

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde, aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda, dtv Verlag, 2021, 376 Seiten

 


3 Gedanken zu “Leben in Kamtschatka – Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde

  1. Meine Eindrücke waren ganz ähnlich. Der Fehler liegt mE in der Krimi-Rahmenhandlung. Wenn man sowas anfangs aufbaut, dann müsste die Behauptung aus dem Klappentext „Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr“ auch zutreffen, damit das Ganze nicht unbefriedigend wirkt. Nicht im Sinne eines klassischen Krimis, aber für die meisten Einzeltexte im Buch kann man die Rahmenhandlung praktisch außer acht lassen. Die sollte aber schon deutlichere Auswirkungen haben, sonst lässt man sie vll besser ganz weg…
    Hinzu kommt, dass die Einzeltexte sich in einem literarischen Niemandsland bewegen. Zu isoliert, um klassische Romankapitel zu sein, nicht ausreichend durchkomponiert, um als Kurzgeschichten auch allein und jede für sich zu überzeugen. Das ist zB bei Evaristo anders, da ist immer klar, dass es sich um Kapitel in einem großen Ganzen handelt.

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    1. Ja, das mit der Rahmenhandlung ist wirklich unbefriedigend, und ich denke auch, da hätte es jetzt keine klassische Krimigeschichte gebraucht, Spurensuche, Vernehmungen, was auch immer, aber eben mehr Zusammenhang. Der Fall ist für den Fortgang des Romans ja eigentlich gar nicht notwendig. Und ja, im Vergleich zu Evaristo wird deutlich, dass es dort besser funktioniert, stimmiger ist, sowohl was die einzelnen Kapitel angeht als auch das große Ganze.

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      1. Ich hab so einen Verdacht, den ich natürlich nicht belegen kann, aber manchmal sagen Verlage ja so Dinge wie „10 Geschichten über Frauen…? In Kamtschatka…? Das liest sich schön, und ich glaube Sie ließen sich mit ihren Erfahrungen vor Ort bestimmt auch vermarkten… aber da fehlt noch was… Kurzgeschichten verkaufen sich nicht. Vll ein Kriminalfall, damit wir „Roman“ drauf schreiben können?“

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