Von inneren Dämonen und einem Mord ohne Leiche – Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Vesta Guhl ist Anfang 70 und lebt seit einiger Zeit allein und abgeschieden mit ihrem Hund in einem Haus am Wald. Beim morgendlichen Spaziergang entdeckt sie eines Tages einen Zettel, auf dem steht: „Ihr Name war Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie getötet hat. Hier ist ihre Leiche.“ Allerdings gibt es von dieser Leiche keine Spur. Vestas Interesse jedoch ist geweckt. Sie nimmt die Notiz mit nach Hause in dem festen Entschluss, den Mordfall zu lösen.

Seit der Lektüre von Ottessa Moshfeghs Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ bin ich ein großer Fan der Autorin, die teils verstörende Bücher schreibt und der die Erwartungen ihrer Leser*innen völlig egal sind, die gern auch ausspricht, was sonst eher ungesagt bleibt. Der neue Roman „Der Tod in ihren Händen“ passt durchaus in dieses Bild, wenn das Buch dennoch ganz anders ist als der Vorgänger. Das betrifft vor allem die Tatsache, dass die Geschichte um Vesta weniger rasant ist, dass die Handlung weniger schnell voranschreitet. Die meiste Zeit sind wir unmittelbare Zeugen von Vestas Gedanken, und in ihrem Kopf passiert deutlich mehr als es draußen in ihrem eher unspektakulären Leben der Fall ist. Es sind die Gedanken einer alten, einsamen Frau.

Ein bisschen habe ich gebraucht, um mich einzulesen in den Roman, über dem von der ersten Seite an ein Unheil zu schweben scheint. Früh fragt man sich bei der Lektüre, ob Vesta eigentlich eine unzuverlässige Erzählerin ist und wenn ja, was genau das in diesem Fall eigentlich bedeutet. Einiges scheint möglich. Ich möchte nicht zu viel dazu schreiben, da ich finde, dass „Der Tod in ihren Händen“ ein Roman ist, den man möglichst unvoreingenommen lesen sollte, über den man lieber wenig bis gar nichts weiß, als zu viel.

Enorm gut ist Moshfegh gelungen, die Balance zu finden zwischen der Spannung, die den Roman auszeichnet und der im Gegensatz dazu manchmal unsäglich langsam vorangehenden Handlung – als ob sie uns Leser*innen ärgern wollte. Aufhören konnte ich trotzdem nicht. Sie hat es geschafft, mich immer mehr hineinzuziehen in diese seltsame Geschichte, immer mit der Frage im Kopf, wie sich das Ganze wohl auflösen wird.

Mit „Der Tod in ihren Händen“ gelingt der Autorin außerdem ein überzeugendes Porträt der Protagonistin, die vor allem eines ist: einsam. Ihr Mann starb an Krebs, sie denkt oft an ihn und vermisst ihn, doch nach und nach bekommt diese Erinnerung Risse, wird deutlich, dass Walter doch kein so liebevoller Ehemann war. Vesta hat sich nach Liebe gesehnt, wollte begehrt werden, und auch mit den Jahren sind diese Bedürfnisse noch vorhanden. Inzwischen hat Vesta nur noch ihren Hund Charlie, er ist ihr Ein und Alles. Wie in „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ und auch dem ebenso empfehlenswerten Roman „Eileen“, so lesen wir auch hier wieder viel von Körperlichkeit, von den menschlichen Sinnen, wenn auch in geringerem Maße.

Es sollte also klar geworden sein: „Der Tod in ihren Händen“ mag an seinen Anfang einen Kriminalfall stellen, es ist aber alles andere als ein Krimi, auch wenn Vesta sich sofort als Detektivin versucht – ihre Vorgehensweise ist dabei eher unerwartet. Man weiß hier eigentlich nie, was als nächstes passiert, auch im Kleinen überrascht die Autorin, zum Beispiel in den wenigen Dialogen, die selten den Verlauf nehmen, den man erwarten würde. Moshfegh nimmt die Einsamkeit Vestas in den Blick und zeigt uns Leser*innen, wie sie einen Menschen verändern kann, wie sie ihre Protagonistin mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert. Vesta ist nicht nur Sympathieträgerin, und mit den Jahren scheint sie etwas schrullig geworden. Dennoch kommt sie einem während der Lektüre immer näher. „Der Tod in ihren Händen“ ist überraschend, eigensinnig und kein Roman, der es einem immer leicht macht, was aber auch sehr reizvoll ist. Ich vermute, dass mir die Geschichte noch lange im Kopf herumgehen wird, und das ist eigentlich immer ein gutes Zeichen.

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Hanser Berlin Verlag, 2021, 256 Seiten


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