Zwölf mal Leben – Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe von Bernadine Evaristos Roman „Mädchen, Frau etc.“ warf schon eine ganze Weile ihre Schatten voraus: Der Roman gewann 2019 den Booker Prize und das auffällige gelbe Cover, das der deutsche Verlag übernommen hat, begegnete mir schon viele Male in den Sozialen Medien. Der Roman wurde viel gelobt, und, das kann ich gleich vorweg sagen, das Lob ist berechtigt.

Der Roman hat fünf große Kapitel, die die Autorin, mit Ausnahme des letzten, noch einmal in drei Unterkapitel aufteilt. Jedes dieser Unterkapitel widmet sie einer Frau und ihrem Leben. Alle sind Britinnen und alle sind Schwarze Frauen, doch davon abgesehen unterscheiden sie sich teils erheblich voneinander.

Als Klammer fungiert in „Mädchen, Frau etc.“ eine Theateraufführung von Amma, die zu Beginn Protagonistin ist. Ihr neues, provokatives Stück hat in Kürze Premiere, was Ammas Tochter Yazz unangenehm ist. Yazz ist 19 und wünscht sich Abstand von ihren auffälligen, etwas exzentrischen Eltern. Es ist der natürliche Wunsch, sich zu distanzieren und das zu finden, was Yazz eigentlich ausmacht.

Die Frauen, die Evaristo porträtiert, haben teils miteinander zu tun, ihre Geschichten berühren sich. Sie sind Verwandte, Freundinnen und Geliebte, sie lieben Frauen oder Männer, sie leben zurückgezogen und einfach oder streben nach Anerkennung und Karriere. Einige sind noch jung, von anderen erfahren wir die komplette oder einen Großteil ihrer Lebensgeschichte. Teils verflicht die Autorin die Geschichten sehr kunstvoll, nimmt später einen der Lebensläufe wieder auf, führt ihn weiter oder berührt ihn nur ganz nebenbei.

Es geht dabei um das Leben dieser Schwarzen britischen Frauen, und natürlich geht es dabei auch immer um das, was sie von ihren Mitmenschen unterscheidet, wo sie auf Probleme stoßen, um versteckten und offenen Rassismus, aber ebenso um das, was sie verbindet. Sie suchen alle ihren Platz, und diese Suche ist oftmals schwierig.

Eine Besonderheit in Evaristos Roman ist seine Form. Nur ganz am Ende jedes Kapitels findet sich überhaupt ein Punkt oder auch mal ein Fragezeichen, zuvor geht der Text ineinander über, wobei durch präzise und durchdacht gefügte Absätze immer deutlich ist, wer gerade spricht, wer denkt, wer eine zusätzliche Einordnung oder einen leicht amüsierten Kommentar hinzufügt, so dass sich der Roman trotz dieser Besonderheit sehr klar und stringent lesen lässt. Die Erzählerin führt uns so sanft wie entschieden durch ihren Roman.

Generell ist der Roman von einem leichten Humor durchzogen, nicht immer nimmt die Autorin ihre Figuren komplett ernst, doch es ist auch wohltuend, dass sie sie niemals belächelt oder auf sie herabsieht. Es ist auch Evaristos warmherziger Ton, der den Roman atmosphärisch bestimmt, und der dafür sorgt, dass man sich in dieser Geschichte als Leser’in sehr wohlfühlt.

Man kann gar nicht anders, als Empathie für diese Frauen zu empfinden, mit ihnen mitzufiebern, manchmal mitzuleiden. Auch benötigt die Autorin immer nur wenige Sätze, bis eine neu eingeführte Figur lebendig wird im Kopf der Leserin, der Roman entwickelt dadurch schnell einen Sog.

Ich könnte noch viel schreiben zu den einzelnen Frauen, zu ihren Entscheidungen, ihren Kämpfen, zur Besonderheit ihrer Leben. Aber ich finde, das ist gar nicht nötig, viel besser ist es doch, das alles bei der Lektüre selbst zu entdecken. Das ganze Leben findet in ihm statt, mit den Höhen und Tiefen, dem Glück und den Tiefschlägen, die dazu gehören. Bernadine Evaristo hat bereits acht Bücher veröffentlicht, von denen aber, wenn ich richtig recherchiert habe, bisher nur dieses ins Deutsche übersetzt wurde. Den Booker Prize teilte sie sich 2019 mit Margaret Atwood, und sie war die erste Schwarze Frau überhaupt, die mit ihm ausgezeichnet wurde. „Mädchen, Frau etc.“ ist ein kluger, unterhaltsamer und gut konstruierter Roman, den ich nur empfehlen kann.

Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc., aus dem Englischen von Tanja Handels, Tropen bei Klett-Cotta Verlag, 2021, 512 Seiten


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