Die nicht greifbare Bedrohung – Johann Scheerer: Unheimlich nah

Wie übermächtig musste die Gefahr sein, wenn schon der Schutz so beklemmend war?“ S. 49

Der Roman „Unheimlich nah“, der gerade im Piper Verlag erschienen ist, ist bereits das zweite Buch Johann Scheerers, in dem er sich mit der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma im Jahr 1996 und deren Folgen auseinandersetzt. Im Vorgänger „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ging es um die Zeit zur Entführung selbst. Der neue Roman beginnt, als der Vater wieder zu Hause ist, als Personenschützer angeheuert und schließlich Teil des Lebens der Familie werden, das Grundstück komplett absichern. Scheerer verarbeitet seine eigene Jugend und fiktionalisiert sie dabei, so dass wir Leser*innen nicht genau wissen, wo er sich kleinere und größere Freiheiten genommen hat, was der Lektüre aber keinen Abbruch tut.

Protagonist Johann erzählt aus der Ich-Perspektive, er ist zu Beginn des Romans ca. 14 Jahre alt. Ein Alter, in dem man eigentlich beginnt, sich abzunabeln, Abstand von den Eltern zu suchen, zu rebellieren, spontan zu handeln. Das alles ist Johann nicht möglich. Von nun an wird er zur Schule gefahren und wenn er allein unterwegs ist, folgt ihm mehr oder weniger unauffällig ein Auto. Bevor er geht oder heimkommt, benachrichtigt er denjenigen der Personenschützer, der gerade im Dienst ist, per SMS. Johann ist das alles unangenehm, in der Schule versucht er es zu verbergen, doch natürlich wissen alle davon. In einer Zeit, als er sich nach einem normalen Leben und Unauffälligkeit sehnt, kann er genau das nicht haben. Lernt er Mädchen kennen, denkt er sich (unglaubwürdige) Geschichten aus und macht es damit oft nur noch schlimmer.

Johann ist unsicher. Die ständige Überwachung belastet ihn, gleichzeitig spürt er eine Bedrohung, die wenig fassbar ist. Niemand kann sagen, ob es tatsächlich Trittbrettfahrer geben wird, die die Entführung des Vaters zum Vorbild nehmen könnten, ob Johann in Gefahr ist. Und wie verhält man sich eigentlich gegenüber seinen eigenen Bodyguards? Tut man so, als wären sie nicht da? Ist man im Gegenteil besonders höflich und zuvorkommend? Hinzu kommt, dass Johann immer das Gefühl hat, von den Männern, die ihn beschützen, nicht für voll genommen zu werden, selbst dann nicht, als sie ihm zeigen, wie man mit einer Pistole umgeht oder als er später ein Fahrsicherheitstraining absolviert.

„Unheimlich nah“ ist ein Coming-of-Age-Roman unter besonderen Vorzeichen. Ein Buch darüber, wie es ist, Opfer zu sein und Opfer zu bleiben. So ist es leider nicht damit getan, dass Johanns Vater gerettet wurde und die Entführung überlebt hat, dass es „gut ausgegangen“ ist. Denn die Erfahrung bleibt, sie schneidet sich ein, sie prägt. Einige der stärksten Stellen in Scheerers Roman sind für mich die, als es um Johanns Vater geht. Er bleibt meist eher irgendwo am Rand der Geschichte, aber wenn er ins Geschehen eintritt, dann schildert der Roman sehr eindrücklich, wie das Trauma der Entführung ihn verändert hat.

„Mein Vater selbst aber war fort. Vor ein paar Jahren war er zurückgekommen, hatte aber einen Teil von sich nicht wieder mitgenommen. Nun suchte er unaufhörlich danach, ohne es selbst zu merken.“. S. 229

In die jugendlich-flapsige Sprache, die ich ganz zu Beginn nicht immer ganz stimmig fand, musste ich mich erst ein wenig einlesen, doch dann wurde der Roman für mich in sich immer stimmiger. Scheerer gelingt es gut, das ganze Dilemma seines Protagonisten zu verdeutlichen und er geht auch durchaus mit sich selbst ins Gericht. Mehr als einmal verscherzt es sich der Roman-Johann mit anderen, meist Mädchen, mit denen er zusammen ist. Sie werfen ihm vor, immer nur um sich selbst zu kreisen und in Selbstmitleid zu baden. Anschuldigungen, die ihn überfordern, von denen er aber ahnt, dass in ihnen auch ein bisschen Wahrheit steckt.

Eine große Rolle spielt die Musik in Scheerers Roman, immer wieder werden Songs zitiert, die zur Stimmung Johanns passen und die ihm etwas bedeuten. Und die außerdem die Zeit, in der der Roman spielt, spürbar machen, die mich zurückversetzt haben in die späten 90er Jahre. Es ist Johanns Wunsch, beruflich Musik zu machen, er ist in einer Band, träumt davon, mit ihr erfolgreich zu werden. Dem echten Johann ist das gelungen: Scheerer ist inzwischen ein erfolgreicher Musikproduzent. „Unheimlich nah“ liest sich unterhaltsam und oft leicht, macht die Absurditäten im Leben seines Protagonisten nur allzu deutlich, hat aber auch starke nachdenkliche Momente. Die Balance stimmt.

Johann Scheerer: Unheimlich nah, Piper Verlag, 2020, 331 Seiten