Das Debüt 2020 – Bloggerpreis für Literatur – Meine Entscheidung

In diesem Jahr bin ich das zweite Mal Jurymitglied beim Debütpreis, bei dem Literaturblogger*innen aus einer Shortlist von fünf Titeln ihre Favorit*innen wählen und Punkte vergeben, aus denen dann die Gewinnerin oder der Gewinner ermittelt wird. Der Gemeinschaftsblog Das Debüt schreibt diesen Preis seit 2016 aus und stellt eine Shortlist aus fünf Titeln zusammen, durch die wir Blogger*innen uns dann lesen, die wir diskutieren, beurteilen und unsere persönliche Rangliste erstellen.

Wie auch schon im letzten Jahr, so war die Shortlist auch dieses Mal für mich teilweise überraschend. Sie ist eine Mischung aus schon oft besprochenen Titeln wie vor allem „Streulicht“ oder auch „Hawaii“, sowie anderen unbekannteren Titeln. Wir vergeben jeweils fünf Punkte für unseren Favoriten, drei für den Zweitplatzierten und einen für den Dritten, zwei Romane gehen leer aus. Selbstverständlich ist meine Entscheidung komplett subjektiv.

Leider keine Punkte vergebe ich für „Schatten über den Brettern“ von David Misch. Obwohl mich das Thema Theater eigentlich sehr interessiert, habe ich keinen Zugang zu dem Roman finden können. Der Autor macht es einem schwer, in die Geschichte hineinzufinden, das Ganze ist recht sperrig und erst einmal undurchsichtig, so dass ich das Buch recht schnell beiseite gelegt habe. Vielleicht ist mir dadurch etwas entgangen, und ein Buch, das ich nicht komplett gelesen habe, lässt sich meiner Auffassung nach nicht beurteilen. Hier haben Leserin und Roman einfach nicht zusammengepasst.

Leider auch keine Punkte gibt es von mir nach langem Abwägen für „Elijas Lied“ von Amanda Lasker-Berlin. Hier empfand ich den Einstieg unnötig kryptisch, den Roman dann mit seinen sehr großen, durchaus auch explosiven Themen überladen. Jede der drei Schwestern, die sich hier zusammen auf eine Wanderung begeben, die es so ähnlich in ihrer Kindheit schon gegeben hat, bringt Zündstoff mit: die eine wurde mit Trisomie 21 geboren, war schwanger und wurde über ihren Kopf hinweg sterilisiert, die zweite bietet in Pflegeheimen sexuelle Dienste an, die dritte bewegt sich in rechtextremen Kreisen. Nicht nur war mir das zu viel für einen Roman, außerdem fand meiner Meinung nach keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Themen statt. Zu meiner Besprechung

Einen Punkt vergebe ich an „Wir verlassenen Kinder“ von Lucia Leidenfrost. Sie erzählt die Geschichte von zurückgelassenen Kindern in einem Dorf, das die Eltern verlassen haben. Die genauen Gründe erfahren wir nicht. Die Perspektive wechselt hier, oft wird aus einer „Wir-Perspektive“ erzählt, daneben gibt es ein Mädchen, das näher in den Fokus rückt. Leidenfrost zeigt auf manchmal drastische Weise auf, wie die Kinder damit umgehen, plötzlich auf sich gestellt zu sein und nicht nur die Verantwortung für ihr Handeln zu haben, sondern auch emotional verkümmern. Das hat mir teilweise gut gefallen und hatte auch Wucht, komplett erreichen konnte mich die Geschichte aber leider nicht.

Wirklich gern gelesen habe ich „Hawaii“ von Cihan Acar. Der Roman erhält von mir drei Punkte. Acar erzählt von drei Tagen im Leben eines jungen ehemaligen Fußballstars, dessen Karriere zu Ende ist, bevor sie überhaupt richtig begann und der nun nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Einigermaßen orientierungslos streift er durch seine Tage und Nächte, während alle Welt Ansprüche an ihn stellt, vor allem seine Eltern, letztendlich aber auch er selbst. Die schnörkellose Sprache ist sehr stimmig, Kemal eine authentisch gezeichnete Figur auf der Suche. Immer wieder hadert er mit seiner Zugehörigkeit: Er ist Türke, aber er ist auch Heilbronner. „Hawaii“ ist in seiner Mischung aus Leichtigkeit und Schwere überzeugend, ein Roman, der sich leicht lesen mag, aber auch Tiefe hat. Zu meiner Besprechung

„Streulicht“ von Deniz Ohde ist mein Favorit und bekommt fünf Punkte. Ich habe den Roman bereits im Sommer gelesen und er ist mir immer noch in sehr guter Erinnerung. Ohde erzählt enorm eindrücklich von ungleichen Chancen und der systematischen Ausbremsung der jungen Protagonistin in ihrer Schullaufbahn. Sie ist zweifach benachteiligt: Einerseits ist sie immer wieder aufgrund ihrer Herkunft Rassismus ausgesetzt, andererseits kommt sie aus einer Arbeiterfamilie, in der man ihre Ambitionen außerdem nicht nachvollziehen kann. Als sie schließlich akademischen Erfolg erreicht, verweigert man ihr die Anerkennung. Ohde erzählt fesselnd von ihrer sprachlosen Protagonistin in einem starren System, von ihrem schwierigen Weg aus Unsicherheit und Schüchternheit. Eine so schmerzliche wie starke Lektüre, ein Roman, der die zermürbenden Erfahrungen der Protagonistin nur zu spürbar macht. Große Empfehlung. Zu meiner Besprechung

Gewinnerin des Debütpreises ist Deniz Ohde mit „Streulicht“. Hier geht es zum Beitrag auf Das Debüt.


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