Die plausibelste Wahrheit – Graham Moore: Verweigerung

Zehn Jahre ist es her, dass Maya bei einem spektakulären Mordfall eine der Geschworenen war. Der Afroamerikaner Bobby Nock stand damals vor Gericht, er sollte seine Schülerin Jessica getötet haben. Angeblich hatten die beiden eine Affäre. Eine Leiche wurde nie gefunden, doch für die meisten Beteiligten konnte es keinen anderen Täter als Bobby geben.

Maya hatte unter den Geschworenen eine besondere Rolle: Sie war diejenige, die an Bobbys Schuld zweifelte – und die alle anderen nach und nach auf ihre Seite zog, so dass der Angeklagte schließlich freigesprochen wurde, aus Mangel an Beweisen. Nun soll es eine Dokumentation zum damaligen Fall geben. Rick, einer der anderen Geschworenen von damals, hat sie nun alle wieder zusammengetrommelt, angeblich gibt es neue Erkenntnisse, um die er ein großes Geheimnis macht. Bevor er diese öffentlich machen kann, wird er ermordet. Maya wird sofort verdächtigt: Nicht nur war sie die Letzte, die ihn gesehen hat, sie hatte auch damals ein Verhältnis mit ihm, das über einen Streit um den Fall zerbrach.

Graham Moore erzählt in „Verweigerung“ abwechselnd von den Geschehnissen im Jahr 2009 und den Ereignissen in der Jetztzeit. Nach und nach lernen wir die Geschworenen kennen, ihre Beziehungen untereinander, ihre Eigenarten, ihre Art zu leben. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen. Maya ist inzwischen eine erfolgreiche Anwältin geworden – die Entscheidung für diesen Beruf hat mit ihrer Tätigkeit als Geschworene zu tun – und sie weiß, dass sie von einem objektiven Standpunkt aus die logische Täterin ist.

Wer schon ein paar Justizthriller gelesen oder gesehen hat, der weiß, dass es vor Gericht weniger um die Wahrheit oder um Gerechtigkeit geht, sondern vielmehr darum, wer die schlüssigere „Geschichte“ erzählen kann, wessen „Wahrheit“ die plausiblere ist. Oftmals hängt das Schicksal eines Angeklagten von den Fähigkeiten seines Anwalts ab, bzw. seiner Bereitschaft, sich für seinen Klienten ins Zeug zu legen. In „Verweigerung“ sind Gerechtigkeit und Wahrheit immer wieder Thema, etwa wenn Maya mit ihrem Chef, der sie nun auch verteidigt, bespricht, ob ihre Taktik wirklich sein soll, bei der Wahrheit zu bleiben, oder ob ihre Chancen besser stehen, wenn sie vor Gericht eine andere Geschichte erzählen. Vor allem aber wird deutlich, dass Bobby in der Verhandlung zehn Jahre zuvor als Afroamerikaner eigentlich schon vorverurteilt war, bevor der Prozess überhaupt begann. So ist Moores Roman immer auch eine Geschichte über Rassismus und Klassenzugehörigkeit.

Durch den ständigen Perspektivwechsel bleibt die Spannung hoch, so dass ich den Roman innerhalb kürzester Zeit gelesen habe. Maya ist als Hauptfigur Sympathieträgerin, den Leser*innen sehr nah, doch Moore weckt auch die anderen Geschworenen und übrigen Figuren überzeugend zum Leben. Gleichzeitig schafft er ein Bild der USA unter Trump und macht die Veränderung spürbar, die das Land seit der Amtszeit Obamas durchgemacht hat. Mayas Obama-Anhänger zu ihrer Geschworenenzeit steht dabei als Zeichen der Hoffnung, doch was ist von ihr übriggeblieben?

Graham Moore hat für sein Drehbuch zu „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch bereits einen Oscar erhalten. Auch „Verweigerung“ sieht man mit seinen so starken Bildern fast als Film vor sich, gut vorstellbar, dass der Roman irgendwann noch ins Kino kommt. In der Zwischenzeit ist der Roman eine gute Wahl, denn „Verweigerung“ beschert einige unterhaltsame, spannende und auch erhellende Lesestunden.

Graham Moore: Verweigerung, aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot, Eichborn Verlag, 2020, 400 Seiten


2 Gedanken zu “Die plausibelste Wahrheit – Graham Moore: Verweigerung

  1. Oh, ganz herzlichen Dank für den Tipp. Ich habe von Graham Moore vor Jahren „Die letzten Tage der Nacht“ gelesen und konnte es gar nicht genug loben. Darüber hinaus kann es meiner unmaßgeblichen Meinung nach niemals genug gute Justizthriller geben. :-)

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