Meine Highlights 2020

Das Jahr 2020 ist fast zu Ende, ein besonderes und schwieriges Jahr. Die Hoffnung auf ein besseres 2021 ist überall zu spüren, doch bis zur Rückkehr zu einer Normalität wird es wohl noch dauern. Letteratura besteht nun schon fast fünf Jahre, und auch vorher habe ich schon über Bücher geschrieben. Dieses Jahr fiel es mir teilweise schwer, doch auch in diesem Jahr habe ich wieder einige sehr gute Bücher gelesen.

Insgesamt sagt die Statistik, dass es 93 Bücher waren, ungefähr so viele wie in den letzten Jahren. Corona hat also nicht dazu geführt, dass ich mehr gelesen habe. Wie im letzten Jahr war ich auch diesmal neugierig auf das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Autor*innen, das immer noch einigermaßen ausgewogen ist: 50 der Bücher wurden von Frauen geschrieben, 43 von Männern, somit geht die Tendenz diesmal zu den Autorinnen, wobei es mir so vorkommt, als würde ich deutlich mehr von Frauen lesen, als es tatsächlich der Fall ist. Ich suche meine Lektüre nicht nach dem Geschlecht des Verfassers bzw. der Verfasserin aus, sondern wähle intuitiv das, was mich anspricht, doch hat mich die Diskussion der letzten Jahre dafür sensibilisiert, dass Frauen weniger verlegt und besprochen werden.

Ich habe meine Lektüren nun noch einmal Revue passieren lassen und hier kommen meine Highlights des Jahres, chronologisch nach Lesezeitpunkt:

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Ein Roman über einen Mann in seinen Vierzigern, verheiratet, Vater von drei Kindern, die Ehe kriselt, er ist unzufrieden… muss man das wirklich noch einmal lesen? In diesem Fall kann bzw. sollte man, meiner Meinung nach, denn „Die Wahrheit ist“ von Eshkol Nevo ist ein überaus unterhaltsamer und kluger Roman. Der Mann, der den gleichen Namen trägt wie der Autor, ist folgerichtig ebenfalls Schriftsteller, und wenig überraschend befindet er sich in einer Schreibkrise. Um diese zu überwinden, arbeitet er sich an einem Fragebogen aus dem Internet ab und macht sich zur Aufgabe, dabei völlig ehrlich zu sein. Heraus kommt eine kluge, unterhaltsame und fesselnde Bestandsaufnahme aus dem Leben des Schriftstellers, über seinen Beruf, über seine Familie und den Nahostkonflikt.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Thorsten Nagelschmidts Roman „Arbeit“ ist das Ergebnis von akribischer Recherche und vieler Interviews, die der Autor im Vorfeld geführt hat, ohne dass man dem Roman das in seiner Leichtigkeit anmerkt. Wir erleben eine Nacht in Kreuzberg, und wir folgen dabei denen, die dafür sorgen, dass die Stadt auch in der Nacht funktioniert und dass andere feiern können. In einzelnen Episoden lernen wir verschiedene Figuren kennen, Polizisten, Sanitäter, Türsteher, Flaschensammler, Drogendealer und ein Taxifahrer, der die Episoden zumindest teilweise locker verbindet. Hier stimmen der Ton, die Dialoge, jede Figur hat ihren eigenen Background, ihre passende Sprache. Eine wunderbare Hommage an jene, die man oft nicht wahrnimmt und die doch so wichtig sind.

Benjamin Maack: Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

Auch wenn immer öfter zu lesen und zu hören ist, dass mit psychischen Erkrankungen endlich genauso selbstverständlich umgegangen werden sollte, wie mit physischen, ist es nach wie vor sehr mutig, was Benajmin Maack getan hat: Seine Depressionen hat der Autor in einem Buch verarbeitet. Es ist ein sehr persönliches Buch über seine Zeit in der Psychiatrie und über Selbstmordphantasien, aber auch über sein Leben mit Frau und Kindern, über das Gefühl, eine Last oder ein Hochstapler zu sein. Schonungslos und ehrlich.

Meena Kandasamy: Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau

In „Schläge“ erzählt Meena Kandasamy ihre eigene Geschichte. Die Geschichte ihrer Ehe und ihres gewalttätigen Ehemanns. Sie erzählt, wie alles beginnt, wie er kurz nach der Heirat versucht, ihre Freiheit zu beschneiden, ihr hinterherspioniert, sie zwingt, ihr Facebookkonto zu löschen. Dann beschimpft und beleidigt er sie, schließlich kommt es zu Schlägen und Vergewaltigungen, während er nach außen den liebevollen Ehemann spielt. Kandasamy schafft es schließlich, sich aus der Ehe zu befreien, und sie tut dies auch mit Hilfe der Sprache. Es ist ein langer und schwieriger Weg. Das Buch rüttelt auf und schmerzt, es zeigt, dass häusliche Gewalt in allen Schichten vorkommt, und es ist in seiner treffenden Analyse sehr gut geschrieben. Ich wünsche ihm viele Leserinnen und Leser.

Lily King: Writers & Lovers

Lily Kings Roman „Writers & Lovers“ sollte für die Autorin das Buch werden, das sie sich selbst als junge Frau gewünscht hatte, das es aber nicht gab. Es geht um die junge Casey, die in einer Krise steckt und die um ihre Mutter trauert, die sich eine gleichberechtigte Partnerschaft wünscht und die vor allem Schriftstellerin werden will. King erzählt vom Leben dieser jungen Frau, von ihren Selbstzweifeln und von den Männern, denen sie begegnet. Während an dem Roman oft kritisiert wurde, dass es zu sehr um Caseys Liebesleben gehe und dass sie sich zu sehr über ihre Männerbekanntschaften definiere, war für mich vor allem die Trauer der jungen Frau spürbar und ihre Versuche, sowohl beruflich, als auch privat ihr Glück zu finden. Ein Roman zum Mitfiebern und Mitleiden, für mich ein Herzensbuch.

Lisa Halliday. Asymmetrie

Lisa Hallidays Debütroman „Asymmetrie“ ist vor allem eins: sehr gut konstruiert. In ihm verarbeitet sie nicht nur ihre eigene Beziehung, die sie als junge Frau mit dem wesentlich älteren und berühmten Autor Philip Roth hatte, denn bei genauerem Hinsehen ist der Roman so viel mehr. Vor allem ist der Roman wie auch „Writers & Lovers“ ein Roman über das Schreiben, über die Frage, ob man sich etwa komplett in andere Lebensläufe und Kulturen hineinversetzen kann. Klug, elegant und überzeugend.

Ali Smith: Winter

Ali Smiths Roman „Winter“ ist der zweite Teil ihres Jahreszeitenquartetts. Die schottische Schriftstellerin, die eine meiner Lieblingsautorinnen ist, erzählt von Art, einem jungen Mann, der zu Weihnachten seine Mutter besucht und der eine Fremde bittet, seine Freundin zu spielen. Es ist kein Heile-Welt-Weihnachten. Arts Mutter geht es schlecht und so ruft Art seine Tante Iris an. Die Schwestern hatten seit Jahren keinen Kontakt. „Winter“ ist ein Roman über eine Familie und ihre Probleme. Immer wieder kreist die Geschichte um Fragen der Identität, um die Veränderungen im Zeitalter des Internets. Wohldosiert, enorm gut konstruiert, berührend und unterhaltsam.

Deborah Levy: Der Mann, der alles sah

Deborah Levys Roman spiegelt auf virtuose Weise das Früher und das Jetzt im Leben des Briten Saul Adler, der zweimal – mit 30 Jahren Unterschied – auf der berühmten Abbey Road angefahren wird. Oder vielleicht doch nicht? Als junger Mann reist er nach Berlin, kurz vor der Wiedervereinigung, seine Freundin hat ihn gerade verlassen und er verliebt sich in einen anderen Mann. Der gealterte Saul dann scheint verwirrt, Vergangenheit und Gegenwart scheinen zu verschwimmen, und die Verwirrung überträgt sich auf die Leser*innen. Levys Roman ist fesselnd und faszinierend, poetisch und spielerisch.

Jonas Hassen Khemiri: Die Vaterklausel

„Die Vaterklausel“ des schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri entwickelt seine ganze Wucht nach und nach. Khemiri erzählt von einer Familie, in der es viel Groll und einige Kränkungen gab, über ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis. Der Vater kommt nur alle paar Monate in die Stadt, der Sohn kümmert sich in der Zwischenzeit um dessen Post und Geldgeschäfte. Zeit seines Lebens hat er sich die Anerkennung und Liebe des Vaters gewünscht. Seine Ehe kriselt. Auch die Lebensgefährtin des Sohnes und seine Schwester rücken ins Bild. Diesen Protagonisten kommt man sehr nah, wird immer mehr hineingezogen in die Geschichte, die so schnörkellos wie präzise erzählt wird. Eine Familiengeschichte, in der jede*r Bekanntes wieder finden kann.

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein

„Sprache und Sein“ habe ich erst gegen Ende des Jahres gelesen und das Buch hat es noch in meine Top Ten geschafft, weil es so wichtig ist. Kübra Gümüşay schreibt über die Macht der Sprache und sie tut das enorm erhellend. Es ist ein kluges Buch von einer Autorin, die immer auch aus ihrem persönlichen Erfahrungsschatz und dem anderer berichtet, die erläutert und erfahrbar macht, wie es sich anfühlt, als sichtbar muslimische Frau stets nur als Repräsentantin ihrer Religion wahrgenommen zu werden. Das Buch sensibilisiert und zeigt auf, wie mächtig Sprache ist. Es fordert dazu auf, sich selbst öfter zu hinterfragen, auf seine Vorurteile, auf sein Verhalten. Das Plädoyer einer klugen und empathischen Frau, das viele, viele Menschen lesen sollten.


6 Gedanken zu “Meine Highlights 2020

  1. „Arbeit“ von Thorsten Nagelschmidt ist ja auch eine meiner Lieblingslektüren im vergangenen Jahr. Und einige Titel, die du hier noch einmal als besondere Lektüren präsentierst, stehen schon/noch in meinem Regal und warten aufs Gelesen werden: Benjamin Maack, Lisa Halliday, Meena Kandasamy. Mal schauen, wann ich Lesezeit dafür finde.
    Viele Grüße und einen guten und gesunden Rutsch ins Neue Jahr, Claudia

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    1. „Arbeit“ ist wirklich großartig. Die drei von Dir genannten verdienen viele Leser finde ich. Ich hoffe, sie sagen dir zu. Viele Grüße und auch dir einen guten Rutsch!

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  2. „Sprache und sein“ wird auch noch gelesen werden, wenn irgendwann wieder die Stabi öfnnet.
    Wünsche dir ein gutes, gesundes 2021 und freue mich weiterhin von dir zu lesen. Immer wieder Anregungen zu ernsthafter Lektüre für mich ;)
    Liebe Grüße Thurs

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