Kurz vorgestellt – Drei Empfehlungen

Drei Romane warten seit Wochen darauf, von mir besprochen zu werden. Die Lektüre ist nun schon länger her, Neues kam hinzu, und Feinheiten gehen mir mit der Zeit verloren, doch ganz übergehen möchte ich die Bücher nicht, darum gibt es hier heute eine Premiere: Drei kurze Empfehlungen in einem Beitrag.

 

Deborah Levy: Der Mann, der alles sah

Deborah Levy kenne ich schon durch ihren Roman „Heiße Milch“ und ihr Memoir „Was das Leben kostet“, beides sehr empfehlenswerte Lektüren. Mit „Der Mann, der alles sah“ ist sie nun endgültig zu einer meiner Lieblingsautorinnen geworden. Damit ist ihr ein meisterhafter, auf allerbeste Weise verwirrender Roman gelungen, der mich völlig in seinen Bann gezogen hat.

Levy erzählt die Geschichte von Saul Adler, einem Briten, der mit Anfang 20 in die DDR reist, nur Monate vor der Wiedervereinigung. Zuvor hat sich seine Freundin von ihm getrennt. Sie hat ihn oft fotografiert und verbot ihm, ihre Schönheit mit Worten zu beschreiben. In Berlin, wo er über den Widerstand gegen das NS-Regime forscht, lernt Saul dann Walter kennen und verliebt sich in ihn.

Dann ein Zeitsprung, dreißig Jahre sind vergangen. Bevor er nach Berlin reiste, wurde Saul auf der berühmten Abbey Road von einem Auto angefahren, und nun geschieht das erneut. Plötzlich verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart, holt das Vergangene, aber nie Vergessene ihn ein. Als Leser*in ist man orientierungslos. Was geschieht wirklich, was war, was ist vielleicht nur Einbildung?

Levys Roman verwirrt, doch es ist eine positive Verwirrung, eine faszinierende und fesselnde Verwirrung. Virtuos spiegelt sie das Früher und das Jetzt, zeigt sie auf, wie alles miteinander zusammenhängt, variiert Szenen und das alles sowohl poetisch, spielerisch, eindringlich und auch humorvoll. Ein wunderbarer und großartiger Roman.

Deborah Levy: Der Mann, der alles sah, aus dem Englischen von Reinhild Böhnke, Kampa Verlag, 2020, 288 Seiten

 

Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Ayad Akhtar, US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, ist in den USA der meistgespielte Dramatiker überhaupt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. „Homeland Elegien“ ist ein autobiographischer Roman, in dem er sich mit seinem Leben als Muslim und als Kind von Einwanderern in Amerika auseinandersetzt.

Akhtar konzentriert sich auf einzelne Episoden seines Lebens, die er erzählt und dabei einordnet und sich äußerst scharfsinnig mit ihnen auseinandersetzt. Er erzählt von seinem Vater, der als Arzt einst Donald Trump behandelte und seitdem eine seltsame Verehrung für ihn an den Tag legte, die aus dem Gefühl resultierte, dass er glaubte, ihn zu kennen. Er erzählt von einem alltäglichen Rassismus, dem er sich stets ausgesetzt sah und der unumstößlichen Tatsache, dass Muslime in einem Land, das er als seine Heimat betrachtet, weder verstanden noch gewollt seien. Er erzählt sehr Persönliches, über seine Familie, über Frauen, hier wäre mir ein wenig Distanz manchmal lieber gewesen.

Nicht immer kommt er dabei selbst gut weg, tatsächlich offenbart Akhtar durchaus unsympathische Züge. Auch habe ich mich mehrfach gefragt, wieso „Homeland Elegien“ als Roman veröffentlicht wurde, warum auf dem Umschlag nicht „Autobiographie“ steht. Vermutlich sollte nicht eindeutig ersichtlich sein, wo Wahrheit und Fiktion miteinander verschwimmen.

„Homeland Elegien“ ist erhellend und informativ, und Akhtar analysiert sehr scharf und erzählt so unterhaltsam wie spannend. Auch auf Barack Obamas Bücherliste aus diesem Jahr ist das Buch zu finden. Empfehlenswert.

Ayad Akhtar: Homeland Elegien, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Claassen Verlag, 2020, 464 Seiten

 

Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung

Über Yoko Ogawas Roman „Insel der verlorenen Erinnerung“ ist vermutlich schon alles gesagt worden, der Roman, der im Original bereits 1994 erschien und für den International Booker Prize nominiert wurde, erhält fast überall jubelnde Besprechungen. Ich habe von der japanischen Autorin schon mehrere Romane gelesen (zum Beispiel „Zärtliche Klagen„) und wurde nie enttäuscht, so auch hier.

Ogawa erzählt von dem Leben auf einer nicht näher bezeichneten Insel, auf der bestimmte Gegenstände nach und nach verschwinden. Hüte, Vögel, Haarbänder, sie sind einfach von einem Tag auf den nächsten nicht mehr da. Die Erinnerungspolizei sorgt dafür, dass die Menschen die Existenz dieser Dinge vergessen. Sie haben sich längst an das langsame Verschwinden der Dinge gewöhnt und nehmen es hin. Möglichkeiten, die Insel zu verlassen, gibt es nicht mehr, die Fähre hat ihren Betrieb eingestellt. Wer dennoch versucht, zu fliehen, begibt sich in große Gefahr.

Hauptfigur im Roman ist eine junge Autorin, die seit dem Verschwinden ihrer Mutter und dem Tod des Vaters allein lebt. Lediglich zu ihrem Lektor und einem alten Mann, einem langjährigen Freund der Familie, hat sie Kontakt. Der Lektor ist in Gefahr, denn anders als die meisten Leute auf der Insel vergisst er die verschwunden Dinge nicht. Die Erinnerungspolizei kann das nicht dulden, Menschen wie der Lektor werden im Allgemeinen verhaftet und tauchen dann nicht mehr auf.

Ogawas Roman ist so fesselnd wie düster, wenn auch nicht ohne Hoffnung. Normalerweise bin ich keine Freundin von Dystopien, doch diese hier hat mich sehr überzeugt. Ogawas ruhiger Erzählstil und ihre so selbstverständliche unaufgeregte Art haben mich auch dieses Mal wieder gleich für die japanische Autorin eingenommen und nicht mehr losgelassen. Ein verstörendes Buch über Bedrohungen von außen und die Macht von Mut und Freundschaft und das Wagnis, sich einem totalitären Regime entgegenzustellen. Große Empfehlung.

Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung, aus dem Japanischen von Sabine Mangold, Liebeskind Verlag, 2020, 352 Seiten

 


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