Ohne Plan – Cihan Acar: Hawaii

Das „Hawaii“ genannte Viertel in Heilbronn hat mit dem Urlaubsparadies nichts gemeinsam. Hier wohnen Abgehängte, Menschen mit wenig Geld, und auf den Straßen herrscht ein rauer Ton. Auch Kemal kommt von hier, der Sohn türkischer Eltern ist in Deutschland aufgewachsen. Für kurze Zeit lebte er den Traum vieler Jungs nicht nur aus seiner Nachbarschaft: Er spielte als Fußballprofi in einem türkischen Verein. Vielleicht hätte er richtig Karriere machen können, doch ein Unfall führte dazu, dass er seinen Traum aufgeben musste. Nun ist Kemal zurück in der Heimat und hat keinen Plan, was er machen soll.

Wir begleiten Kemal für drei Nächte und zwei Tage in seiner Heimatstadt. Er verabschiedet seine Eltern, die mit Koffern voller Mitbringsel in die Türkei reisen und mitten in den Vorbereitungen dafür stecken. Seinem Vater muss er versprechen, zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Bekannten zu gehen, das der Vater für ihn vereinbart hat und auf das er eigentlich keine Lust hat. Er schaut auf einer türkischen Hochzeit vorbei, trifft Freunde, geht in eine Kneipe und denkt daran, wie er es mit seiner großen Liebe Sina vermasselt hat.

Einige Rückblenden zeigen, wie Kemal in seine Situation gekommen ist. Wieso seine Fußballkarriere so schnell vorbei war, warum er Sina erst verließ und diesen Schritt nun bitter bereut. „Hawaii“ erzählt davon, welche Auswirkungen die Vergangenheit ganz konkret in Kemals Alltag hat.

Ich hätte eigentlich nicht erwartet, dass mich das Leben eines jungen Fußballers interessieren könnte, doch Cihan Acar versieht seinen Helden mit solch einer überzeugenden Erzählstimme, dass ich sehr schnell drin war in dieser Geschichte. Protagonist Kemal verfügt nicht nur über eine sehr gute und präzise Beobachtungsgabe, so dass alle, denen er auf seinem Trip begegnet, sofort sehr plastisch vor den Augen der Leserin erscheinen. Er ordnet auch die Geschehnisse schnell ein, und er hat oft einen witzig-ironischen Kommentar dazu auf Lager, den er entweder zum Besten gibt oder nur mit den Leser*innen teilt. Das ist alles erst einmal sehr locker-leicht, dabei aber keinesfalls oberflächlich, denn Kemal steckt in einer Krise, auch wenn er das selbst nicht wahrhaben will.

Acars Erzählstil ist schnell, manchmal frotzelnd-umgangssprachlich, letztlich aber vor allem überzeugend und authentisch. Hier wird nicht drum herum geredet. Die Sprache kommt auf den Punkt, ist gerade heraus. Ich habe das als sehr passend empfunden und es trug auch dazu bei, dass ich schnell in den Romankosmos eintauchen konnte.

Dabei ist Kemals Leben gerade alles andere als einfach, auch wenn er versucht, zu verdrängen, dass er einen neuen Plan braucht für sein Leben, dass er nicht ewig so weitermachen kann wie jetzt. Leider hat er keinen Schimmer, was er tun soll oder was er eigentlich will, während er sich von verschiedenen Seiten unter Druck gesetzt fühlt.

Schwere Konflikte bleiben im Roman zunächst aus, doch der Eindruck täuscht, denn Rechte und Migranten stehen sich plötzlich gegenüber. Wie für viele andere gibt es auch für Kemal keine eindeutige Antwort auf die Frage nach seiner Zugehörigkeit. Er ist Türke, aber er ist auch Heilbronner.

„Hawaii“ ist so etwas wie eine Momentaufnahme, die auf Grundsätzliches hinweist, die sich auf überzeugende Weise mit der Situation seines Protagonisten auseinandersetzt. Eine authentische Erzählstimme, eine gelungene Mischung aus Leichtigkeit und Schwere, eine unterhaltsame Geschichte: „Hawaii“ bringt mit, was ein guter Roman haben sollte. Der Roman steht auf der Shortlist des Bloggerpreises Das Debüt. Die Gewinnerin oder der Gewinner wird Mitte Januar bekannt gegeben.

Cihan Acar: Hawaii, Hanser Berlin Verlag, 2020, 256 Seiten


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