Drei Schwestern, entfremdet – Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied

Amanda Lasker-Berlins Roman „Elijas Lied“ habe ich im Rahmen des Bloggerpreises „Das Debüt 2020“ gelesen. Die Autorin erzählt darin von drei Schwestern um die 30, die sich auf eine Wanderung begeben. Sie sind sich fremd geworden und sie hoffen, dass sie einander wieder näher kommen können. Es wird eine frühere Wanderung erwähnt, die sie, vermutlich im Kindes- bzw. Jugendalter, schon einmal gemeinsam absolviert haben und an die sie nun anknüpfen wollen.

Elija, die älteste der Schwestern, wurde mit Trisomie 21 geboren. Sie spielt Theater und geht darin völlig auf, sowieso scheint sie diejenige der drei zu sein, die mit ihrem Leben am zufriedendsten ist. Noa, die mittlere Schwester arbeitet in einer Kantine und hat eine Beziehung zu Akim, der mit ihrer zweiten Beschäftigung seine Probleme hat, denn Noa bietet sexuelle Dienstleistungen in Pflegeheimen an. Die dritte der Schwestern, Loth, bewegt sich in rechtsradikalen Kreisen, legt Wert darauf, Stärke auszustrahlen, hat sehr viel Wut in sich und ist stolz darauf, sehr dünn und attraktiv zu sein.

In ihrem Debütroman erzählt Amanda Lasker-Berlin von diesen drei Schwestern auf ihrer Wanderung und fügt dabei immer wieder Szenen aus dem Leben der drei ein, erzählt aus ihrem Alltag, so dass wir sie nach und nach näher kennenlernen.

Zu Beginn des Romans habe ich deshalb ein wenig mit ihm gehadert, weil die Autorin mit Infos zu ihren Figuren sehr zurückhaltend ist, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass diese Zurückhaltung eine Funktion für die Geschichte hat. So tappte ich eine ganze Weile ein wenig im Dunkeln und musste mich erst einmal zurechtfinden. Die Erzählung kommt zunächst einmal kaum in Gang. Auch die wenig konkrete Erzählweise des Romans, durch die eine wie verschwommene, verwaschene Atmosphäre entsteht, trug dazu bei, dass ich lange nicht im Roman ankam, wobei ich sprachlich eigentlich nichts auszusetzen habe. Doch vieles bleibt durchgängig in der Schwebe. Die Szenerie wechselt oft zwischen der Wanderung und Alltagsszenen aus dem Leben der Schwestern ohne Anhaltspunkt. Das ist in seiner Ausprägung sehr konsequent, ich hatte meine Probleme damit.

Die Autorin macht bei jeder ihrer drei Figuren ein großes, ein schwerwiegendes Thema auf. So hat die behinderte Elija eine Schwangerschaft hinter sich, bei deren Abbruch man gleich dafür Sorge trug, dass das nicht noch einmal geschehen kann. Mutter wird sie nur noch auf der Theaterbühne sein können. Noas Tätigkeit in den Pflegeheimen missfällt ihrem Freund, doch darüber herrscht Schweigen zwischen ihnen. Sowieso wird sehr viel geschwiegen in diesem Roman, sind Konflikte zwar spürbar, werden aber nicht ausgesprochen. Das trifft auch auf die jüngste Schwester zu: Loth ist ein mit allen Wassern gewaschener Nazi. Ihre Motivation? Unklar. Es mag unter der Oberfläche brodeln, doch dabei bleibt es.

Es geht nicht darum, den Leser*innen alles vorzusetzen und auszudiskutieren, Fragen aufzuwerfen, Argumente zu bringen und zu einem Fazit zu kommen, denn gerade die Fragen, die sich hier aufdrängen dürften, sind keinesfalls leicht zu beantworten. Hier kommt es mir aber fast so vor, als würde die Autorin sich standhaft weigern, die Fragen überhaupt zu stellen. Das, was die Schwestern ausmacht, stellt sie wie Säulen in die Geschichte. Und da steht es. Dabei gäbe es bei jeder der drei Schwestern durchaus einiges zu verhandeln, gerade was Moral und Ethik angeht. Der Umgang mit Behinderten, ihre Selbstbestimmung, die Frage nach Sexualität und Bedürfnissen Pflegebedürftiger, der Weg in ein Leben als Rechtsradikale.

Jede der drei Schwestern, Elija, Noa und Loth, birgt so viel Potential, so viel Sprengstoff durchaus auch, dass man ihr eine eigene Geschichte, einen eigenen Roman hätte widmen können. So wirkt „Elijas Lied“ auf mich einerseits überfrachtet, andererseits hatte ich durch die unkonkrete Erzählweise das Gefühl, stets durch eine Art Nebel auf das Geschehen zu blicken. „Elijas Lied“ bleibt trotz des vielversprechenden Ansatzes für mich wenig greifbar. Am Ende haben Roman und Leserin wohl einfach nicht zueinander gepasst.

Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied, Frankfurter Verlagsanstalt, 2020, 256 Seiten


7 Gedanken zu “Drei Schwestern, entfremdet – Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied

  1. Wir haben uns ja schon ein wenig über den Roman ausgetauscht und mir geht es in vielen Dingen ähnlich. Ich fand auch, dass SEHR viele und große Themen in diesem Roman verhandelt werden. Loths Weg in den Rechtsextremismus fand ich recht plakativ. Ihre politische Einstellung sorgt ja auch nun für einigen Ärger in der Familie, wird aber bei der Wanderung von ihren Schwestern gar nicht thematisiert und auch scheinbar gar nicht wahrgenommen, obwohl es entsprechende Äußerungen von ihr gibt.
    Die Sprache fand ich ganz passend für den Roman. Es war oft sehr auf das Körperliche fixiert, aber das passt ja nun auch zur Thematik. Diesen Tabubruch, Sexualität in Verbindung zu bringen mit Behinderung oder Pflegebedürftigkeit fand ich übrigens ganz spannend.

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    1. Spannend fand ich die Themen auch, aber irgendwie hat mir die Beschäftigung mit ihnen gefehlt. Ich finde das schwer zu begründen, weil ich das Gefühl habe, hier Sachen zu kritisieren, die mir sonst eigentlich gefallen…

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      1. Ich fand es bei dem Thema ganz gut, dass man ein bisschen allein gelassen wird. Zumindest mir ging es so, dass es mich ganz gut mit meinen eigenen Tabus und Vorurteilen konfrontiert hat. Ich fand, dass es eine gewisse Selbstverständlichkeit hatte, dir mir persönlich bei dem Thema fehlt, auch aufgrund mangelnder Berührungspunkte.
        Aber ich verstehe auch total, warum man da gerne mehr oder tiefere Auseinandersetzung hätte.

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