Konsequent verweigernd – Roman Ehrlich: Malé

Roman Ehrlich erzählt in seinem Roman „Malé“ von einer Aussteigergruppe auf den Malediven, irgendwann in einer nicht näher bezeichneten, aber wohl nicht allzu fernen Zukunft. Touristen gibt es hier nicht mehr, der Klimawandel hat dafür gesorgt, dass der Meeresspiegel gestiegen und die Insel nicht mehr komplett bewohnbar ist. Die Aussteiger auf der Insel sind Übriggebliebene, Künstler und Visionäre, die aus unterschiedlichen Gründen hergekommen sind.

Es gibt ein größeres Figurenpersonal, wobei die meisten eher durch die Geschichte hindurchrauschen, abgesehen vielleicht von einer Schauspielerin namens Mona Bauch, die allerdings verstorben ist und deren Vater nach Malé kommt, um herauszufinden, was mit ihr passiert ist. Er wird auch nur in dieser Funktion genannt, so umständlich wie technisch als „der Vater der verstorbenen Schauspielerin Mona Bauch“, jedes Mal, wenn er auftaucht. Eine andere verschwundene Figur ist der Lyriker Judy Frank, seinerseits gesucht von Francis Ford, einer US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin. Diese Figuren schreiten ab und zu durchs Bild, doch zwischendurch begegnen wir den vielen weiteren Figuren in diesem Roman, und sie bleiben nur vage im Gedächtnis.

Das liegt an Ehrlichs besonderer Art, seine Geschichte zu erzählen. „Malé“ verfügt nicht über einen spannenden Plot, erzählt keine auf einen Höhepunkt hintreibende Geschichte, mit der wir mitfiebern. Lange, verschachtelte Sätze reihen sich aneinander, die Figuren bieten wenig bis kein Identifikationspotential, entwickeln sich nicht, die Sprache ist trocken und geprägt von Beschreibungen.

Bei der Lektüre wird man auf Distanz gehalten, manchmal habe ich die Orientierung gesucht und bin ins „Schwimmen“ geraten. Das liegt auch daran, dass ich mich mit der Lektüre schwergetan und den Roman immer wieder zur Seite gelegt habe, was man bei diesem Buch vielleicht besser nicht tun sollte. Es war schwierig, wieder hineinzufinden.

Dennoch hat „Malé“ in seiner konsequenten Verweigerung von Plot, von Spannung und Entwicklung, auch etwas Faszinierendes an sich. Um dem Roman etwas abzugewinnen, muss man vermutlich seine üblichen Erwartungen ablegen und sich auf die sperrige, emotionslose Erzählweise einlassen. Dann kann man auch die Auseinandersetzung mit den Themen des Romans, allen voran den Klimawandel, würdigen. Und ein bisschen fühlt man sich dann als Leser*in so, wie sich die Aussteiger fühlen müssen: wie ein Wartender, auf ein drohendes Unheil, das man zu spüren meint, denn da schwebt etwas über allem, so unwirklich wie beunruhigend.

So war die Lektüre von „Malé“ für mich ein ziemliches Stück Arbeit, keine Lektüre, durch die man beseelt hindurchrauscht, sondern eine, die sich eher ermüdend und anstrengend anfühlt. Dennoch, Ehrlichs Roman ist so konsequent und dann eben doch überzeugend konstruiert, dass ich das anerkennen muss und ich meine Zeit mit und auf „Malé“ letztendlich als lohnend empfunden habe.

Roman Ehrlich: Malé, Fischer Verlag, 2020, 288 Seiten


3 Gedanken zu “Konsequent verweigernd – Roman Ehrlich: Malé

  1. Ich hab dieses Jahr widerstanden und mich allen Literaturpreis-Lektüren konsequent verweigert. Nach 3 Jahren sich durch diese immergleichen Texte wühlen war das nötig. Aber das Cover zu diesem Titel finde ich großartig. „Roman Ehrlich Roman“ steht drauf, als müsste man es den Lesern doppelt versichern. Deine Rezension legt dafür die Gründe offen ;)

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  2. Der Wert eines Kunstwerks liegt nicht unbedingt darin, dass es „gefällt“, und ich finde es wohltuend, wie differenziert Du argumentierst. Dennoch glaube ich nicht, dass ich dieses Buch lesen werde.

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    1. Angesichts des großen Angebots und wenn man in seiner Freizeit liest, ist es doch nachvollziehbar und „normal“, dass man die Lektüre auch mögen will. Und sogar unterhalten werden will ;) deshalb kann sie ja trotzdem einen gewissen Anspruch haben. Malé ist schon speziell, nochmal lesen würde ich den Roman wohl eher nicht.

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