Zurück zu den Wurzeln – Christoph Peters: Dorfroman

Am Anfang steht ein beliebter Einstieg in eine Geschichte: Die Rückkehr zu den Wurzeln, in eine gleichermaßen vertraute wie unvertraute Heimat. Das kennt wohl jeder, der nicht nur dem Elternhaus, sondern auch Heimatort oder -stadt irgendwann den Rücken gekehrt hat. Bei den Stippvisiten in den folgenden Jahren entdeckt man jedes Mal etwas, das sich verändert hat, vertraute Läden sind plötzlich nicht mehr da, Malls entstehen, Häuser werden abgerissen oder neue gebaut. Anderes scheint sich nicht zu verändern oder doch so langsam, dass man es nur vage wahrnimmt. Oder man will es vielleicht auch nicht wahrnehmen.

Als der Ich-Erzähler in Christoph Peters’ Dorfroman seine betagten Eltern in Hülkendonck besucht, scheint die Präsenz dieser beiden das einzige zu sein, was noch übrig geblieben ist, seitdem er den Ort verlassen hat und nach Berlin gezogen ist. Dennoch überlegt er immer wieder, zurückzukehren. Im Roman tritt dieser Gedanke aber in den Hintergrund, vielmehr erinnert der Erzähler sich seine Kindheit und Jugend im Ort. Abwechselnd erzählt er selbst im Kindes- und im Erwachsenenalter, schließlich kommt noch die Perspektive des Jugendlichen hinzu. Dabei gibt Peters dem Jüngeren eine kindlich-naive, dennoch nicht dumme Stimme, er hört den Eltern und anderen Verwandten genau zu, macht sich ihre Meinung zu eigen, soweit möglich. Zu der Zeit, es sind die 1970er Jahre, soll in der Gegend ein Atomkraftwerk gebaut werden, der „Schnelle Brüter“, und die Eltern, gläubige und gewissenhafte Katholiken, sind auf dem Standpunkt, dass „die da oben“ schon wissen werden, was sie tun. Im Ort führt der geplante Bau zu großen Konflikten zwischen den Einwohnern, die um ihr Land und ihre Heimat fürchten und den „Bestimmern“, über die man sich nicht sicher ist, ob man ihnen trauen kann.

Der jugendliche Ich-Erzähler lernt schließlich die sieben Jahre ältere Juliane kennen und verliebt sich in sie. Juliane hat mit ihren Eltern gebrochen und lebt in einer Kommune, träumt von einer gerechteren Welt und kann doch nicht wirklich an sie glauben. Dass es für Juliane kein Happy End geben wird, erfahren wir Leser schon früh, den Erzähler beeindruckt sie sehr und seine Gefühle für sie führen unweigerlich zu Konflikten mit den Eltern. Zum ersten Mal stellt er sich gegen sie und gegen das, wofür sie stehen.

Der Roman erzählt ein Stück deutsche Geschichte. Der „Schnelle Brüter“ wurde fertiggestellt, ging aber nie ans Netz. Peters erzählt von den Menschen und ihren Befindlichkeiten in den 70er Jahren, von Selbstverständnis und Religion, von Jugend und Rebellion. Er benötigt keine ausgefallene Konstruktion für seinen Roman und erzählt die Geschichte seines Helden, hinter dem sich wohl zum großen Teil der Autor selbst verbirgt, so ruhig wie unsentimental und in gewisser Weise auch so universell, dass man sich in ihr wieder finden kann. Ich bin einige Jahre jünger als der Autor und vermute, dass sein Roman mich noch weiter in seinen Bann gezogen hätte, wenn ich im gleichen Alter wäre wie er und es mehr biographische Schnittstellen gäbe, doch auch so nimmt mich seine Geschichte gefangen, da sie nicht nur individuell, sondern auch universell ist. Und letztlich ist eben auch immer dieses Gefühl spürbar, diese Zerrissenheit, die Unklarheit darüber, was Heimat denn nun eigentlich wirklich bedeutet und die Erkenntnis, wie prägend die Jahre der Kindheit und Jugend sind. Christoph Peters „Dorfroman“ kleidet all dies und mehr in Worte.

Christoph Peters: Dorfroman, Luchterhand Verlag, 2020, 416 Seiten


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