Über den Ozean – Robert Seethaler: Der letzte Satz

Von Robert Seethaler kannte ich bisher nur seinen Roman „Das Feld“, in dem er die Toten auf dem Friedhof einer kleinen Stadt über ihr Leben erzählen lässt. Viele kleine Miniaturstücke sind das, das Augenmerk gerichtet auf das, was am Ende bleibt. Sehr dicht und in Anbetracht des Themas doch auch sehr unsentimental erzählt. Mich hat „Das Feld“ seinerzeit begeistert und berührt, und das, obwohl die gängige Meinung zu sein scheint, dass es keinesfalls sein bestes Buch ist. Hier werden meist „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ genannt. Lücken, die ich hoffentlich noch irgendwann schließen werde.

„Der letzte Satz“ ist nun noch kürzer als die Vorgängerromane, lediglich knapp 130 Seiten lang. Dass man auf so kurzer Strecke wirklich in die Tiefe gehen kann, ist kaum möglich und so kann man es dem Buch schwerlich vorwerfen, dass das nicht passiert. Und dennoch kratzt es so sehr an der Oberfläche, dass ich mich frage, wieso es ausgerechnet Gustav Mahler sein musste, dem hier ein Denkmal gesetzt wird.

Mahler ist um die 50, er ist einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit, er hat sich in Wien und auch in New York einen Namen gemacht. Zu Lebzeiten überstrahlten seine Tätigkeiten als Erster Kapellmeister und Operndirektor in Wien, sowie die Leitung der New Yorker Philharmoniker seine Tätigkeit als Komponist. Heute sind es vor allem seine gewaltigen Sinfonien sowie seine Lieder, an die man im Zusammenhang mit Mahler als erstes denkt.

In „Der letzte Satz“ begegnen wir Mahler auf einer Schiffsreise von New York nach Europa. Er ist gesundheitlich angeschlagen, seine Ehe steckt in der Krise, er weiß, dass seine Frau Alma eine Affäre mit Walter Gropius begonnen hat, den sie dann nach seinem Tod auch heiraten wird. Es ist Mahlers letzte Reise. Während er sich auf Deck befindet, sinniert er über Alma und seine Tochter Anna, die irgendwo unten beim Frühstück sitzen. Und er denkt an die zweite Tochter Maria, die mit nur 4 Jahren verstarb. Außerdem erinnert er sich an Begegnungen mit Rodin, mit Freud, lässt sie Revue passieren, während er zwischendurch kurz mit einem Schiffsjungen plaudert. Hier fallen auch die Sätze, die im Zusammenhang mit dem Buch oft zu lesen sind, nämlich die Aussage, dass man über Musik nicht reden könne, dass es keine Sprache für sie gebe, und mehr noch, dass sie schlecht sei, sobald sie sich beschreiben lasse. Das klingt schon ein bisschen so, als habe man hier einen einfachen Ausweg gesucht, sich eben genau dem, was bei Mahler das Wichtigste ist, nämlich seiner Musik und ihrer Bedeutung, nicht näher widmen zu müssen.

Dabei habe ich „Der letzte Satz“ nicht einmal ungern gelesen. Seethalers Stil hat mir auch hier wieder sehr gefallen, seine dichte Sprache entwickelt einen starken Sog, es finden sich viele schöne Sätze und tatsächlich hatte ich durchaus das Gefühl, dem kranken, einsamen Mann, der sich oben auf dem Schiff meilenweit von Frau und Kind entfernt fühlt, ein wenig näher zu kommen. Dennoch hat mir der Bezug zu seiner Musik gefehlt, etwas Besonderes, Zwingendes, denn Seethaler schreibt eben nicht über irgendjemanden, sondern über einen der berühmtesten Männer seiner Zeit. So werde ich mich irgendwann den anderen Werken Seethalers widmen und bis dahin von Zeit zu Zeit Gustav Mahlers wunderbarer Musik zuhören, die er uns zum Glück hinterlassen hat.

Robert Seethaler: Der letzte Satz, Hanser Berlin Verlag, 2020, 128 Seiten