Identitätsfragen – Ali Smith: Winter

Nach dem gelungenen Roman „Herbst“, dem ersten Band aus Ali Smiths Jahreszeitenquartett, hatte ich mich schon sehr auf „Winter“ gefreut. Wieder schreibt die britische Autorin über unsere Welt, die sich in rasender Geschwindigkeit zu wandeln scheint, über die Veränderungen, mit denen wir nicht immer mithalten können und die deshalb bedrohlich wirken können. Und dabei schreibt sie immer und vor allem über Familie, Freundschaft und Liebe.

„Winter“ spielt zum Großteil an Weihnachten, doch es ist kein Heile-Welt-Fest, das gefeiert wird. Arthur, meist Art genannt, besucht über die Feiertage seine Mutter Sophia, die allein in einem großen Haus lebt. Eigentlich wollte er seine Freundin Charlotte mitbringen, doch sie hat ihn kürzlich verlassen, und so engagiert er kurzerhand eine junge Frau namens Lux, ihn stattdessen zu begleiten. Bei Sophia angekommen, stellen sie fest, dass es ihr nicht gut geht, dass sie verwirrt ist. Sophia sieht seltsame Dinge. Sie isst nicht. Lux begegnet sie zunächst einmal mit einer Feindseligkeit, von der diese sich aber nicht abschrecken lässt. Lux und Art kontaktieren Sophias Schwester Iris und bitten sie um Hilfe. Die Schwestern hatten seit mehreren Jahrzehnten keinen Kontakt. Iris ist so etwas wie eine ewige Rebellin, engagiert sich für das Gute und kämpft für eine in ihren Augen bessere Welt. Gerade engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe. Sie verachtet Sophia dafür, dass sie ihr privilegiertes Leben als gegeben hinnimmt, doch auch die Liebe zwischen den beiden ist spürbar. Es ist ein schwieriges Verhältnis.

Wie man es von Ali Smith gewohnt ist, so zeichnet sich auch „Winter“ dadurch aus, dass die Autorin sich um Leserwartungen nicht schert und immer wieder Leerstellen lässt, die sich teils später noch füllen, teils nicht. In Rückblenden lesen wir von anderen Weihnachtstagen, erfahren von Arts Kindheit und seinem Vater, von dem er so gut wie nichts weiß, aber auch von Sophias und Iris’ Eltern. So fügt sich langsam ein Bild dieser Familie zusammen, wobei alles ein bisschen in der Schwebe bleibt.

Auch Lux ist ein geheimnisvoller Charakter, eine junge selbstbewusste Frau, die spontan handelt, die anpackt und sagt, was sie denkt. Die Arts Lüge, sie sei seine Freundin Charlotte, auf ihre Weise mitspielt. Art betreibt einen Blog mit Naturthemen, der den den doppeldeutigen Namen „Art in Nature“ trägt, doch liegt er brach, wohl auch, weil die echte Charlotte von seinem Twitteraccount aus merkwürdige Botschaften in Arts Namen verbreitet. Statt sich zu wehren oder Charlotte zu konfrontieren, schaltet er sein Handy aus, um nichts mehr davon mitzubekommen, wie seine Community auf seine vermeintlichen Tweets reagiert. Und da ist ganz schön was los.

Hier zeigen sich die wichtigsten Themen des Romans: Da ist unsere vom Internet bestimmte Welt, eine Welt, in der alles quasi in Echtzeit abrufbar ist, in der man wie durchsichtig wird, sich gedrängt fühlt, mitzumachen. Smiths Figuren hadern auf verschiedene Arten mit dieser Welt, verschließen sich oder gehen teils gerade auf Konfrontation, flüchten sich in Traumwelten, sehen Dinge, die nicht da sind. Fragen nach der eigenen Identität sind auf jeder Seite dieses wunderbaren Romans spürbar, nicht nur dort, wo mit ihr gespielt wird, wie in Lux‘ Fall. Alle Figuren suchen auf jeweils eigene Art einen Halt in der Welt und bei denen, die ihnen am nächsten stehen oder von denen man es erwarten würde.

„Winter“ ist ein wohldosierter Roman, einer, bei dem kein Wort zu viel ist, voller Andeutungen und Auslassungen und enorm gut konstruiert, ohne dass sich diese Konstruktion bei der Lektüre jemals unangenehm aufdrängen würde. Smith verhandelt große Fragen, und sie tut das so spielerisch wie ernst. Ein hochmelanchischer Roman, der zu einer mit Bedeutung aufgeladenen Zeit im Jahr spielt. Ein so berührendes wie unterhaltsames Lesevergnügen und sicher eines meiner Lieblingsbücher im Jahr 2020.

Ali Smith: Winter, aus dem Englischen von Silvia Morawetz, Luchterhand Verlag, 2020, 320 Seiten