Der alte Kontinent – Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Ilja Leonard Pfeijffers Roman „Grand Hotel Europa“ ist ein Brocken, in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur durch seine 550 Seiten, sondern vor allem, was die Fülle an Themen angeht, die der niederländische Autor in seinem Roman unterbringt und gekonnt miteinander verknüpft.

Alles beginnt damit, dass ein Schriftsteller namens Ilja Leonard Pfeijffer ins Grand Hotel Europa eincheckt. Dort trifft er als erstes auf den Pagen Abdul, der, wie wir später erfahren werden, über das Meer geflohen ist. Außerdem begrüßt ihn der Majordomus, der im Hotel das Sagen hat und der auch dafür sorgt, dass es seinen etwas aus der Zeit gefallenen Charakter nicht verliert. So wirkt das Hotel zwar einerseits erhaben und steckt spürbar voller Geschichte, es ist aber auch ein wenig heruntergekommen. Viel Betrieb herrscht nicht, es kommen kaum neue Gäste.

Der Protagonist hat sich das Hotel bewusst ausgesucht, denn er wollte an einen Ort, an dem er in Ruhe über seine verflossene Liebe Clio nachsinnen kann, die er nach einer turbulenten und nicht unkomplizierten Beziehung verloren hat. In wechselnden Kapiteln lesen wir einerseits über die Zeit mit Clio, andererseits erfahren wir, was im Hotel geschieht. Gerade ist der neue Besitzer des Hotels angekommen, ein chinesischer Geschäftsmann, der dem Hotel seine Ideen überstülpt. Diese kommen aus einem gänzlich anderen Verständnis, als man es hier gewöhnt ist. So ist eine der ersten Amtshandlungen von Herrn Wang, ein altes Porträt gegen eine moderne Fotografie von Paris auszutauschen, was den Majordomus schwer trifft:

„Herr Wang ist kein weichherziger Europäer wie wir. Altes Zeug ist für ihn altes Zeug. Neues Zeug hält er für schöner und kostbarer. Er hat ja nicht ganz unrecht. Es war ein schlecht gemaltes Porträt von einem unbekannten Meister mit bescheidenem Talent. Einen Wert hatte es nur für einen sentimentalen alten Mann wie mich.“ S. 184

Während also einerseits der Zustand des Hotels und damit gleichzeitig auch der Zustand des ganzen, des alten Kontinents Europas verhandelt wird, rekapituliert der Schriftsteller andererseits seine Beziehung zur deutlich jüngeren Italienerin Clio. Er geht zurück zur ersten Begegnung, bei der schnell alles zwischen ihnen beiden klar war, zur Entscheidung, zusammenzuziehen, erzählt von gemeinsamen Reisen, von einer spielerischen Jagd nach einem verschwundenen Gemälde. Es gibt merkwürdig-misslungene Sexszenen, bei denen man sich fragen kann, ob das eigentlich alles ironisch gemeint ist, es gibt schwer zu ertragende Szenen, in denen wir hautnah dabei sind, wenn Clio und der Roman-Pfeijffer sich bis aufs Blut streiten und gegenseitig verletzen. Der Schriftsteller erzählt all das aus der Ich-Perspektive, reflektiert dabei stets offen sein eigenes Tun und Denken, so dass er einerseits nicht immer besonders gut dabei weg kommt, da er sich manchmal schlicht wie ein Arsch benimmt, andererseits aber zumindest um sein schlechtes Handeln weiß, was immerhin etwas ist. Allerdings ist auch Clio kein Unschuldslamm und keineswegs das wehrlose Opfer Leonards.

In Exkursen passiert noch viel mehr in diesem Buch, viel Raum nimmt zum Beispiel das Thema Massentourismus ein, das den Protagonisten (und in diesem Fall wohl auch den Autor) sehr umtreibt. Wir alle wissen um das seltsame Phänomen, dass man sich von den anderen, den peinlichen Touristen gern distanziert und dabei völlig übersieht, dass man selbst einer von ihnen ist. Eine Möglichkeit, dieses Dilemma zu umgehen, scheint dabei zu sein, sich nicht als „Tourist“, sondern als „Reisender“ zu bezeichnen, und somit als jemand, der eben nicht das millionenste Selfie vor der Mona Lisa machen möchte, sondern der Land und Menschen wirklich kennenlernen möchte.

„Muzaffargarh ist wunderschön. Selten haben wir in einem muslimischen Land eine so authentische Armut gesehen.“  S. 206

Authentizität, das ist diesen Reisenden, die Pfeijffer von einer Reise nach Pakistan erzählen, das allerwichtigste. Was das am Ende bedeuten kann, treibt Pfeijffer in dieser Episode so gekonnt wie schockierend auf die Spitze. Das Unwohlsein, das einen beim Lesen überkommt, ist so überwältigend wie gewollt.

Man könnte noch viel schreiben zu diesem Buch, das viel will und das meiste davon auch überzeugend umsetzt. Es wird viel reflektiert und philosophiert, Gedanken werden hin- und hergewälzt, zu Europa und dem Rest der Welt, zum Tourismus, zur Einwanderung, zur Flüchtlingsfrage. Manch Exkurs war mir zu weitschweifig, einiges hätte man kürzen dürfen. Pfeijffer übertreibt gern, schießt für meinen Geschmack aber teils über das Ziel hinaus, so gibt es eine Passage, über die ich mich ziemlich geärgert habe, weil ich sie in ihrer Drastik schlicht unnötig fand. Es treten noch einige Figuren mehr auf in dieser Geschichte, oft schräge, besondere Charaktere, auf jeden Fall behält man sie im Kopf.

Insgesamt war die Lektüre von „Hotel Grand Europa“ teils herausfordernd, teils aber auch fesselnd, teils erhellend. Pfeijffer schreibt schnelle Dialoge, die sitzen, und er fängt den Zustand unserer Welt, unseres Kontinents, treffend ein, schreibt mit einem scharfen Blick. So mag die Lektüre von „Grand Hotel Europa“ nicht immer ein Vergnügen gewesen sein, hat sich unterm Strich aber gelohnt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei buch-haltung.com.

Ilja Leonard Pfeijffer: Hotel Grand Europa, aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm, Piper Verlag, 2020, 560 Seiten


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