Flucht und Ankunft – Leila Aboulela: Minarett

Nadschwa wächst in Khartum in den 80er Jahren auf. Die Familie ist wohlhabend, der Präsident geht im Haus ein und aus, und sie ist es gewohnt, dass Dienstmädchen und andere Hausangestellte sich um alles kümmern. Nadschwa führt ein säkulares, westlich orientiertes Leben, trägt Miniröcke, betet nicht und trifft sich mit Anwar, der Atheist und Kommunist ist. Er ist politisch aktiv und Nadschwas reicher und wie er annimmt korrupter Vater ist ihm ein Dorn im Auge. Die streng religiösen Muslime und ihre verschleierten Frauen versteht er auch nicht, ja, er verachtet sie. Nadschwa ist fasziniert von ihm, trotz der Konflikte, die zwischen den beiden entstehen, denn es ist ja auch ihre Lebensart, gegen die er sich stellt. Doch bevor sich entscheiden kann, ob es für die beiden eine Zukunft geben kann, kommt es zu einem Putsch und Nadschwa muss mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach London flüchten. Ihr Vater wird verhaftet.

In London leben sie zunächst ein Leben des Übergangs, hoffen, dass sie bald in den Sudan zurückgehen können, dass das Geld noch ewig reichen wird. Doch Nadschwa wird eines Besseren belehrt. Mit der Zeit brechen die Sicherheiten weg, und das betrifft nicht nur äußere Statussymbole. Dem Vater wird in der Heimat ein schneller Prozess gemacht, die Mutter wird schwer krank, ihr Bruder gerät auf die schiefe Bahn. Nadschwa fühlt sich plötzlich sehr allein und aller vermeintlichen Gewissheiten beraubt. War sie früher diejenige, hinter der hergeräumt wurde, arbeitet sie nun selbst als Dienstmädchen. Und sie findet Gefallen daran. Nachdem sie zunächst in der Familie einer Verwandten angestellt war, landet sie schließlich bei Lamja, die an der Uni promoviert und deren Mann fast nie in London ist. Nadschwa ist für das Haus und für die kleine Tochter Mai zuständig, wenn Lamja unterwegs ist. Lamja lebt so, wie Nadschwa zuvor im Sudan gelebt hat, während diese sich in der Zwischenzeit dem islamischen Glauben zugewandt hat. Sie geht in die Moschee, schließt mit den Frauen dort Freundschaft, sie ändert ihr Leben auf der Suche nach etwas, das ihr Halt gibt.

Lamjas jüngerer Bruder Tâmer ist im Gegensatz zu seiner Schwester und den übrigen Familienmitgliedern religiös. Nadschwa und er erkennen im anderen jemanden, der ihre Werte teilt, sie verbringen viel Zeit miteinander, reden, fühlen sich zueinander hingezogen, trotz des großen Altersunterschieds, denn Nadschwa ist einige Jahre älter als er. Früher einmal hatte sie sich immer eine Familie gewünscht, doch dafür scheint es nun zu spät zu sein.

Leila Aboulelas Roman „Minarett“ eine Emanzipationsgeschichte zu nennen, mag für uns europäische LeserInnen auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen, denn wir sind es gewöhnt, Emanzipation zu verstehen als Befreiung aus konservativen Strukturen in ein selbstbestimmtes Leben, das für uns aus größtmöglicher Freiheit besteht und dessen Regeln allein wir bestimmen. Nadschwa geht den umgekehrten Weg: Sie lebte ein westliches Leben, konnte als Studentin zwar nicht alles tun, was sie wollte, denn Traditionen, an die sie gebunden war, gab es in Khartum selbstverständlich, doch sie gibt dieses Leben bewusst auf und wendet sich dem Glauben zu. Sie legt den Schleier an, beginnt zu beten, möchte ein gottgefälliges Leben führen, eines mit vielen Regeln. Regeln, an die sie glaubt, und nach denen sie gern leben möchte. Für Nadschwa ist dieser Schritt einer, der sie aus ihrer Einsamkeit in eine Gemeinschaft führt, in der sie sich geborgen fühlt und eine Heimat findet, die sie Jahre zuvor aufgeben musste.

Entscheidend ist nicht, ob wir LeserInnen uns vorstellen können, selbst wie Nadschwa zu handeln, sondern, ob der Roman es schafft, zu vermitteln, warum Nadschwa diesen Weg geht, ob Aboulela dies schlüssig erzählt. Und ich finde, dass ihr das gut gelingt. „Minarett“ konzentriert sich komplett auf seine Hauptfigur, auf Nadschwas Innenleben, auf die Art und Weise, wie sie die schweren Schläge, von denen es einige in ihrem Leben gab, verarbeitet. Sie ist eine Protagonistin, mit der man von Beginn an mitfiebert und mitleidet, eine, die man mag. Der Roman ist sehr kurzweilig erzählt. Letztlich erzählt er die Suche Nadschwas nach dem, was sie glücklich und zufrieden macht. Wenn mir dabei zwischenzeitlich etwas gefehlt hat, dann war es vielleicht eine Auseinandersetzung mit ihrer Entscheidung. Nadschwas westliche orientierte Erziehung sowie ihr Verhältnis zu Anwar, dem Atheisten und Kommunisten hätte dazu führen müssen oder wenigstens können, dass sie einzelne Aspekte ihres neuen, streng religiösen Lebens einordnet, kritisch betrachtet und begründet, zumindest bedenkt. Das heißt nicht, dass sie nicht zum gleichen Ergebnis kommen könnte, wie sie es schließlich tut. Aber Nadschwa ist daran gar nicht interessiert. Sie möchte eine Heimat finden, nachdem sie alles verloren hat. Es ist ein bewusster Weg. Und ich empfinde ihre Entscheidung als nachvollziehbar, legitim ist sie ohnehin.

So empfinde ich „Minarett“ als durchaus mutiges Buch, das die Geschichte einer ebenfalls mutigen Frau erzählt, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht. Der Roman mag Erwartungen zuwiderlaufen. Doch es gibt viele Möglichkeiten, glücklich zu werden.

Leila Aboulela: Minarett, aus dem Englischen von Irma Wehrli, Lenos Verlag, 2020, 340 Seiten