Nicht Shakespeare – Maggie O’Farrell: Judith und Hamnet

Über die Ehe und das Familienlebens William Shakespeares ist wenig bekannt. Gesichert ist, dass er Ende des Jahres 1582 die acht Jahre ältere Anne Hathaway heiratete und dass sechs Monate später ihr erstes Kind, die Tochter Susanna, zur Welt kam. Dabei scheint nicht einmal gesichert, ob es in Shakespeares Leben eine Anne und eine Agnes gab, da es zwei Dokumente mit beiden Namen gibt, oder ob es sich um eine Person handelt und lediglich der Vorname abgewandelt wurde, was aber wahrscheinlicher ist. Des Weiteren ist bekannt, dass zwei Jahre nach der Geburt Susannas Zwillinge zur Welt kamen, die Judith und Hamnet getauft wurden und dass Hamnet im Alter von 11 Jahren starb, wobei die Todesursache unbekannt ist. Die Familie Shakespeares blieb in Stratford, wo er geboren wurde, während er in London lebte und am Theater Karriere machte.

So ist von vornherein klar, dass Maggie O’Farrell in ihrem Roman „Judith und Hamnet“, der kürzlich mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet wurde, gar nicht erst den Anspruch hat, sich an gesicherten Fakten zu orientieren, sondern ihr Roman ein Werk der Fiktion ist. Nicht nur ein Was-wäre-wenn-Spiel, denn darüber geht die Autorin noch weit hinaus, indem sie ihrem Roman noch eine magische Komponente verleiht. Und vor allem ist ihr Buch kein Roman über den weltbekannten Dichter, der eine Nebenfigur bleibt, sondern über die Frau an seiner Seite.

William Shakespeare – der Name fällt auf den gut 400 Seiten, die das Buch umfasst, kein einziges Mal. O’Farrell dreht den Spieß um: Bei ihr ist nicht die Frau das Anhängsel des berühmten Mannes, deren Name nicht genannt wird, sondern es ist Shakespeare, der stets als „ihr Mann“ bezeichnet wird, als sei das seine einzige Funktion.

Erzählt wird in zwei Strängen: Der eine widmet sich dem Kennenlernen des jungen Paares, das bei O’Farrell eine List nutzt, um heiraten zu dürfen, und den ersten Jahren als Ehepaar im Haus von Shakespeares Eltern. Im zweiten Strang geht es dann um die Ereignisse um den Tod Hamnets. In O’Farrells Roman stirbt der Junge an der Pest.

„Judith und Hamnet“ könnte genauso gut einfach „Agnes“ heißen, denn es ist sie, die ganz eindeutig im Zentrum des Romans steht. Sie ist eine eigensinnige, eine sture Figur, sie eckt an, die Menschen finden sie merkwürdig. Agnes zieht Kräuter und heilt die Menschen, die mit Krankheiten zu ihr kommen, sie kann andere lesen. Immer wieder hat sie Vorahnungen – nur als es um den Tod eines ihrer Kinder geht, lässt ihre Gabe sie im Stich.

Die Autorin geht mit ihrem Roman mindestens ein Wagnis ein. Sie erfindet rund um Shakespeare eine Geschichte, die komplett fiktiv ist, so dass man sich natürlich fragen kann, ob es unbedingt der weltberühmte Dichter sein musste, der im Mittelpunkt – bzw. eben gar nicht im Mittelpunkt ihrer Geschichte steht. Für mich geht ihr Plan auf: Maggie O’Farrells Roman ist so sehr Fiktion, wie ein Roman es nur sein kann und mit ihrem Experiment verschiebt sie den Fokus und wechselt die Perspektive. Das ist so erfrischend wie erhellend.

Das zweite, vielleicht ungleich größere Risiko ist in meinen Augen die magische Komponente: Agnes als Kräuterfrau, als Entrückte, als diejenige, die mehr sieht als andere – und das alles in einer eigentlich nur zu realistischen Geschichte. Auch um Hamnets Tod gibt es noch ein magisches, ein unerklärbares Ereignis. Hier hat Maggie O’Farrell meine ganze Bewunderung, denn ihr Roman ist so frei von Kitsch, wie es nur möglich ist. Agnes mag übersinnliche Kräfte haben, doch am Ende ist sie nur eine Mutter, die um ihr Kind trauert. Die Passagen, die den Tod Hamnets sowie die Zeit danach erzählen, sind das Traurigste, das ich seit langem gelesen habe, und doch so klar und deutlich, so ohne jedes Pathos, dass ich die Autorin dafür bewundere. Unmöglich, davon nicht berührt zu werden.

„Judith und Hamnet“ ist die Geschichte einer Frau und Mutter, einer Geliebten und einer Trauernden, und es ist weniger die Geschichte des berühmtesten Dichters aller Zeiten, dessen Ruhm und Erfolg hinter den Ereignissen zurücktreten und kaum eine Rolle spielen. Es ist nicht seine Geschichte. Es ist ihre. „Judith und Hamnet“ ist ein stiller und nachdenklicher, ein teils tieftrauriger und vor allem sehr kraftvoller Roman.

Maggie O’Farrell: Judith und Hamnet, aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag, Piper Verlag, 2020, 416 Seiten

Veröffentlicht in Roman

2 Gedanken zu “Nicht Shakespeare – Maggie O’Farrell: Judith und Hamnet

  1. Na das kommt auf die Wishlist, danke dir. Stephen Greenblatt der „Will in der Welt“ geschrieben hat war nicht zufällig eine Quelle der Autorin?

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    1. Das weiß ich leider nicht, und ich habe auch das Buch nicht mehr, um mal in die Danksagungen zu schauen…

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