Gutes Leben, schlechtes Leben – Irene Diwiak: Malvita

„Malvita“ – ein treffender Titel für einen höchst unterhaltsamen Roman. Denn was soll das überhaupt sein, ein „schlechtes Leben“? Und woran macht man das fest?

Die italienische Familie, die Protagonistin Christina in Irene Diwiaks neuem Roman besucht, lebt nach den klassischen Kriterien wohl ein gutes Leben: Sie haben Geld wie Heu, ein riesiges Haus, in dem auch die vielen Bediensteten leben, die ganze Stadt scheint für diese Familie zu arbeiten. Und Tochter Marietta wird bald heiraten. Deren Trauzeugin Blanca sollte auf der Hochzeit auch die Fotos machen, doch da sie plötzlich verschwunden ist, kommt Christina ins Spiel. Sie lebt in Österreich, hat die Trennung von ihrem Freund, der jetzt mit ihrer besten Freundin zusammen ist, noch längst nicht überwunden und soll auf die Initiative ihrer Mutter nun also nach Italien reisen. Für Christina ist das ein Familienbesuch, denn Ada ist die Schwester ihrer Mutter. Jedoch hat Christina weder ihre Tante, noch ihre Cousine Marietta, deren Schwester Elena oder den jüngeren Bruder Jordie je getroffen.

Und schon der Empfang in Malvita ist merkwürdig. Cousine Elena arbeitet als Model, ist hübsch, groß und dünn und zu Elena eher oberflächlich freundlich statt herzlich. Auch die anderen nehmen sie nicht gerade auf wie ein Familienmitglied, sind zwar nett, aber verschlossen und setzen, wie Christina bald klar wird, den Bediensteten Nico auf sie an als eine Art Babysitter. Sie bekommt ein Zimmer irgendwo am anderen Ende des riesigen Anwesens bei den Angestellten und ist dort erst einmal verloren. Das Haus ist so verwinkelt, dass sie den Weg zurück allein gar nicht finden würde.

Die Cousinen und die Tante verhalten sich merkwürdig und distanziert, und Cousin Jordie wird von allen verhätschelt und von jeder Aufregung ferngehalten. Sie behandeln ihn wie ein Kind, das er mit Anfang 20 nicht mehr ist. Christina nimmt ihn mit auf eine Spritztour in den Ort, wo sie beide auf die Leiche von Blanca, der ursprünglichen Fotografin und besten Freundin von Braut Marietta stoßen. Christina will unbedingt herausfinden, was mit Blanca geschehen ist und was die Frauen der Familie, die ganz offenbar das Sagen dort haben, im Schilde führen. Denn ganz klar geht da irgendetwas vor. Warum scheint man sie so minutiös zu überwachen und stoppt mitten im Satz, mitten in einer Unterhaltung? Wieso rastet Marietta aus, als Christina beim Polterabend zu tanzen beginnt? Und wieso sind Marcello und Marietta so ein seltsames Paar, das gar nicht zueinander zu passen scheint geschweige denn sich in irgendeiner Form zugetan?

Irine Diwiaks Roman „Malvita“ ist ein richtiges „Flutschbuch“, das ich in kürzester Zeit gefesselt gelesen habe. Diwiak schafft von Beginn an eine stets unheilschwangere Atmosphäre, es liegt in der Luft, dass etwas passieren wird, und allein deshalb kann man das Buch kaum zur Seite legen, bis man weiß, was es mit dem Mord an Blanca und mit dieser Familie auf sich hat, mit diesen so dominanten Frauen, den so schwach wirkenden Männern. Nicht eine von ihnen scheint glücklich oder zufrieden zu sein – und schon sind wir wieder beim schlechten Leben aus dem Titel.

„Malvita“ ist ein bösartiger Roman, einer, der sich etwas traut. Diwiak treibt es auf die Spitze, scheut nicht vor Boshaftigkeit zurück, lässt ihre Figuren Grenzen überschreiten und gleitet ab ins Satirische. „Malvita“ ist nicht nur fesselnd, nicht nur fiebert man sehr mit Christina mit, der Roman ist auch ziemlich schräg und abgefahren, wobei es dabei durchaus um ernste Themen geht. „Malvita“ ist Irene Diwiaks zweiter Roman, und ich werde nicht nur baldmöglichst ihr Debüt lesen, sondern bin auch gespannt, was von dieser Autorin noch zu hören und zu lesen sein wird.

Irene Diwiak: Malvita, Paul Zsolnay Verlag, 2020, 304 Seiten

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Eine Antwort zu Gutes Leben, schlechtes Leben – Irene Diwiak: Malvita

  1. marinabuettner schreibt:

    Liebwies ist ganz köstlich! Malvita werde ich mir auch noch vornehmen …
    Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

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