Schwarz und Weiß – Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

In der kleinen Stadt Mallard in Louisiana sind die afroamerikanischen Bewohner von Generation zu Generation immer heller geworden. Als die Zwillinge Desiree und Stella in den 1950ern geboren werden, gehen sie fast als Weiße durch. Mit 16 beschließen die beiden, die Heimatstadt zu verlassen und leben eine Weile gemeinsam in New Orleans, bevor sich ihre Wege trennen. Von hier an werden sich ihre Leben grundlegend unterscheiden: Stella bewirbt sich als Sekretärin für eine Stelle, die Weißen vorbehalten ist und heiratet später ihren Boss, vor dem sie verheimlicht, dass sie eigentlich schwarz ist. Desiree dagegen heiratet „den dunkelhäutigsten Mann, den sie finden kann“, wie es heißt.

Stella bricht den Kontakt ab sowohl zu ihrer Schwester als auch zu ihrer Mutter Adele, die in Mallard zurückbleibt. Als die Zwillinge klein waren, wurden sie Zeugen davon, wie weiße Männer ihren Vater aus dem Haus zerrten, verprügelten und auf ihn schossen. Er überlebte den Angriff, woraufhin die Männer ihn im Krankenhaus ausfindig machten und dort töteten. Stella und Desiree brannte sich dieses Erlebnis ein, der Mord an ihrem Vater wird sie ihr Leben lang begleiten.

Viele Jahre später kehrt Desiree mit ihrer tiefschwarzen Tochter Jude nach Mallard zurück. Desiree baut sich ein Leben in der alten Heimat auf, versucht, ihrer Tochter eine gute Mutter zu sein, ist für die eigene Mutter da. Stella bleibt verschwunden.

Brit Bennett erzählt in ihrem zweiten Roman „Die verschwindende Hälfte“ eine packende Geschichte um Rassismus und um die Bedeutung von Schwarz und Weiß in den USA im letzten Jahrhundert. Vor allem aber ist der Roman eine Familiengeschichte, in der die Autorin anhand der Zwillinge zwei mögliche Lebensläufe durchspielt. Sie haben an einem Punkt in ihrem Leben unterschiedliche Abbiegungen genommen: Die Eine beschloss, ihr Schwarzsein zu ignorieren und zu verleugnen und von nun an weiß zu sein, mit der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Die Andere suchte sich wie aus Trotz einen Mann mit sehr dunkler Hautfarbe. Der Roman verfolgt beide Schwestern und zeigt die Konsequenzen ihrer Entscheidungen auf.

„Die verschwindende Hälfte“ ist ein Roman der Dopplungen und Spiegelungen: Er reicht zeitlich weit hinein ins 20. Jahrhundert und widmet sich intensiv den Töchtern von Desiree und Stella: Jude, die aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe immer wieder und in starkem Ausmaß Rassismus ausgesetzt ist, sowie Kennedy, die sich für eine Weiße hält, da ihre Mutter ihre wahre Herkunft vor ihr und allen anderen verschweigt. Den Töchtern gelingt es, mit dem Schweigen, mit der komplizierten Geschichte ihrer Herkunft anders umzugehen als den Müttern. Bennett stellt die Schwestern Desiree und Stella ihren Töchtern Jude und Kennedy gegenüber.

So zeigt Bennett in ihrem Roman immer wieder Varianten auf: indem sie Desiree und Stella verschiedene Lebensentwürfe durchspielen lässt und indem sie ihre Töchter später andere Entscheidungen treffen lässt. Auch die Konstruktion des Romans hat mich überzeugt. Nicht immer ist er linear erzählt, doch letztlich greift alles organisch ineinander und bleibt nicht zuletzt eben durch diese Erzählweise auch spannend.

Bennett schafft starke Charaktere, und sie zeigt eindrücklich, welche Konsequenzen einmal getroffene Entscheidungen für sie haben. Für Stella ist das eine große Einsamkeit, die aus der Angst heraus entsteht, dass jemand ihre Lüge entdecken und ihr wohlsituiertes Leben ein Ende haben könnte. Als direkt gegenüber eine schwarze Familie einzieht, gerät alles durcheinander: Sie möchte mit der neuen Nachbarin befreundet sein, in der sie ein Stück ihrer eigenen Identität sieht, und sie fürchtet und wünscht sich gleichermaßen, dass diese sie als eine der Ihren „erkennen“ könnte.

Nach ihrem gelungenen Debütroman „Die Mütter“ ist Brit Bennett erneut ein kluger und fesselnder Roman gelungen, der in den USA kurz nach der Ermordung Georges Floyds durch vier weiße Polizisten im Mai dieses Jahres erschien und dort als „Black Lives Matter“-Roman gelesen wird, wie berichtet wird. Bennett zieht ihre LeserInnen mehr und mehr hinein in den Roman, der sich irgendwann zu einem wahren Pageturner entwickelt. „Die verschwindende Hälfte“ ist ein Roman um Rassismus und um die Bedeutung von Hautfarbe, aber auch um die Konsequenzen, die einmal gefällte Entscheidungen für ein ganzes Leben und für die, die einem am nächsten sind, haben können. Der Roman war in diesem Jahr für den National Book Award nominiert.

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte, aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Robin Detje, Rowohlt Verlag, 2020, 416 Seiten


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