Die Macht der Puppen – Thomas Hettche: Herzfaden

Beim Aufschlagen von Thomas Hettches neuem Roman „Herzfaden“ fällt als erstes die schöne Gestaltung und der in zwei Farben gehaltene Text auf. In Rot wird die Rahmenhandlung erzählt: Ein Mädchen besucht mit seinem Vater eine Vorstellung der Augsburger Puppenkiste, doch durch eine geheimnisvolle Tür gerät es auf einen Dachboden und befindet sich plötzlich mitten unter sprechenden Marionetten. Und auch eine ältere, rauchende Frau erscheint: Es ist Hannelore, genannt Hatü Oehmichen, die zusammen mit ihrem Vater in der Nachkriegszeit die Augsburger Puppenkiste ins Leben gerufen hat.

Diese Geschichte über das Leben Hatüs wird ab sofort in Blau und im Präsens erzählt, die Rahmenhandlung, in der das namenlose Mädchen ein märchenhaftes Rätsel lösen muss, steht in Rot und im Präteritum. Wie bei Michaels Endes Unendlicher Geschichte, an die ich dabei immer wieder denken musste und die ebenfalls vom Wechsel zwischen Rahmenhandlung und Binnenhandlung lebt, wie es auch hier der Fall ist.

Der Vater Hatüs, Walter Oehmichen, war Oberspielleiter in Augsburg, doch nach Ende des Krieges muss etwas Neues her. Hettche erzählt davon, wie er und Hatü die ersten Marionetten schnitzten, als die Puppenkiste aus der Not geboren wurde. Wie sie langsam Gestalt annahm, wie Walter und sie irgendwann die ersten Vorstellungen gaben. Und auch von Hatüs Leben wird erzählt, von ihrer Freundschaft zu Vroni und ihrer Hochzeit mit ihrer Jugendliebe Hanns. Gleichzeitig erzählt Hettche von einem Land nach dem Krieg, vom Nationalsozialismus, den die Protagonisten nicht einfach abschütteln können. Und mittendrin sind immer die Puppen, die auch dazu dienen, der Realität zu entfliehen.

„Marionetten sind unfertige Menschen. Und alles, was wir machen, ist unfertig. Denn was machen wir? Wir wackeln mit einem Stück Holz! Alles andere geschieht im Kopf des Zuschauers. Ein Schauspieler spielt das Sterben, eine Marionette aber stirbt tatsächlich. Denn wenn wir aufhören, sie zu bewegen, ist sie für den Zuschauer wieder nichts anderes als totes Holz. Und dann wird sie wieder lebendig. Märchenhaft sind nicht die Geschichten, die wir erzählen, ein Märchen ist das Erzählen selbst.“ S. 167

Der Herzfaden sei dabei der unsichtbare Faden, der die Marionette mit den Herzen der Zuschauer verbindet, so erklärt es Walter seiner Tochter.

Die Rahmenhandlung ist wie ein Märchen: Das Mädchen schrumpft, die Marionetten können auch ohne Puppenspieler sprechen, der Kaspar ist eine Art Dämon, den man besiegen muss und Hannelore Oehmichen bzw. nach ihrer Heirat Marschall ist von den Toten auferstanden, denn im wahren Leben starb sie im Jahr 2003. Der Sieg über den Kaspar steht auch für die Überwindung einer Angst, einer Angst, die auch Hatü und ihr besonderes Verhältnis zu dieser Figur betrifft. Die Binnenhandlung dagegen erzählt auf rührende, zurückgenommene Weise die Geschichte der Familie Oehmichen und nebenbei die Geschichte eines ganzen Landes.

Ich habe nicht die starke, emotionale Beziehung zur Augsburger Puppenkiste, von der andere berichten, die den Roman gelesen haben, obwohl ich die Puppen und die Geschichten in meiner Kindheit natürlich gemocht habe. Ich denke daher aber, dass es daran liegt, dass der Roman bei mir nicht ganz so gezündet hat, wie bei vielen anderen, denn ohne Zweifel ist „Herzfaden“ ein guter Roman, eine gelungene Mischung aus Märchen und Zeitgeschichte, die nichts verklärt und die sehr genau hinschaut. Und außerdem durch seine liebevolle Gestaltung und die Illustrationen auffällt. „Herzfaden“ ist somit sicher einer der Favoriten für den Deutschen Buchpreis 2020, der in der nächsten Woche vergeben wird.

Thomas Hettche: Herzfaden, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2020, 288 Seiten