Im Körper einer Frau – Liat Elkayam: Aber die Nacht ist noch jung

Von drei Stationen im Leben einer Frau erzählt die israelische Autorin Liat Elkayam in ihrem Roman „Aber die Nacht ist noch jung“. Es sind weibliche Erfahrungen, es sind Themen, die Frauen auf besondere Art betreffen, die etwas darüber erzählen, wie es ist oder sein kann, eine Frau zu sein, auch wenn das im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass jede Frau in den betreffenden Bereichen auch Erfahrungen macht. Das Leben kann auch ganz anders aussehen.

Wir begegnen Michal, genannt Micky, nach ihrer Hochzeit, in den Flitterwochen, allerdings erfahren wir ihren Namen erst später im Roman. Dieser Abschnitt ist der mit Abstand kürzeste und in ihm lernen wir die Protagonistin noch etwas oberflächlich kennen. Alles ist noch etwas grob, Hinweise werden gestreut. Sie scheint nicht so glücklich, wie man es nach einer Heirat erwartet, auch zwischen ihr und Ehemann Jonatan gibt es offenbar Ungereimtheiten.

Dann ein Sprung, einige Zeit ist vergangen, Micky ist Mutter geworden. Das Kind, ein Mädchen, kam zu früh, es liegt auf der Frühgeborenenstation, die für die jungen Eltern, vor allem für Michal, für die nächste Zeit ihr eigentliches Zuhause sein wird. Nun geht es um das Abpumpen von Milch, um das Wickeln, um die Konzentration auf das eigene Kind, darum, eine Mutter zu sein. Und zwar eine gute Mutter, die nicht völlig nutzlos ist, denn so fühlt sie sich. Die erste Bewährungsprobe hat sie schon einmal nicht bestanden, als es ihr nicht gelang, das Kind zu einem späteren, zum richtigen Zeitpunkt zur Welt zu bringen. Das Gefühl, zu versagen, zieht sich durch den kompletten Aufenthalt in der Klinik. In jedem Blick der Schwestern sieht sie es, in jeder Kritik, in jedem gescheiterten Versuch, Milch abzupumpen, so sehr sie sich auch quält und die Schmerzen aushält, die die Prozedur bedeutet.

„Sie würde gern sagen, dass es ihr Körper ist, der sie betrogen hat, der hier die Schuld trägt. Aber von jemandem, der nie wirklich dein war, kannst du nicht sagen, dass er dich betrogen hat. Die Liste der Demütigungen, die sie durch ihren Körper erfahren hat, bewahrt sie seit Jahren in der obersten Schublade ihres Gehirns auf, um jederzeit darauf zurückgreifen zu können, wie auf eine Einkaufsliste für den Supermarkt.“  S. 85

Der Körper, der weibliche Körper ist das große Thema des Romans. Seine Funktion, sein Gehorchen und natürlich sein Aussehen. Seine Bedeutung. Und dass er oft ein Gegner zu sein scheint und kein Verbündeter. Der Körper spielt auch eine größere Rolle im letzten Teil des Romans, als Michal um die 40 ist und mit ihren Kollegen in einem Club feiert. Am Ende bleibt sie mit demjenigen zurück, den sie eigentlich nie leiden konnte, seine Signale sind eindeutig. Mann und Kind sind zu Hause und die Versuchung ist groß: Soll sie ihr nachgeben und sich auf einen Betrug einlassen?

Der letzte Teil ist meiner Ansicht nach der stärkste des Romans. Der Mittelteil ufert sehr aus, die Tage und Wochen im Krankenhaus, später im krankenhauseigenen Hotel, in dem Eltern von Frühchen untergebracht werden, werden in einer solchen sich wiederholenden Detailtreue erzählt, dass es mich auf die Dauer ein wenig ermüdet hat. Immerhin hat man so das Gefühl, eine Ahnung davon zu bekommen, wie es der Protagonistin geht, deren wiederkehrende Probleme vor allem beim Abpumpen und Stillen wir wieder und wieder miterleben. Im letzten Teil ändern sich sowohl Ton als auch Form: Michal teilt sich in ein denkendes und ein fühlendes Ich. Das denkende ist auch das erzählende Ich und es redet das fühlende Ich mit „du“ an, was dazu führt, dass man sich auch als Leserin angesprochen führt. Diese Trennung ist sehr gelungen und macht das ganze Dilemma, in dem Micky sich befindet, nur zu deutlich. Die Sehnsucht, etwas anderes zu erleben, die Vernunft, es nicht zu tun. Und auch hier wieder: der Körper, denn ist er überhaupt noch begehrenswert?

„Das soll mal jemand verstehen. Warum willst du unbedingt einen Mann überzeugen, der dich nicht attraktiv findet? Ja, warum musst du ausgerechnet ihm erzählen, dass du dich nicht hübsch findest.“ S. 345

Dieser letzte Teil ist der überzeugendste, weil er den Zwiespalt der Protagonistin so erfahrbar macht, weil er sehr genau hinschaut, detailliert nachvollzieht, was in ihr vorgeht. Dass es um viel mehr geht als um ein schnelles sexuelles Abenteuer. Dass es in jedem Fall Konsequenzen hätte, andere als bei einem Mann. Elkayam erzählt das alles so intensiv und schlüssig, dass die Frage, ob sie der Versuchung nachgibt, in den Hintergrund rückt. Auch gibt es hier eine nette Spielerei, wenn die Erzählerin jeweils verschiedene Optionen zur Auswahl stellt und dazu auffordert, auf verschiedenen Seitenzahlen im Buch weiterzulesen, je nachdem, auf welchen Fortgang der Geschichte das angesprochene „Du“ gerade Lust hat.

„Aber die Nacht ist noch jung“ ist ein Roman über das Frausein und darüber, was es bedeutet, einen weiblichen Körper zu haben. Mehrere Male wird die Protagonistin darauf reduziert. Im Krankenhaus wird nie der Vorname der Protagonistin genannt, sie ist stets „die Mutter von“, erst im letzten Drittel erfahren wir ihn. Und auch Jonatan, der in jedem der Kapitel eine Rolle spielt, bleibt merkwürdig blass und im Hintergrund. Das war zunächst irritierend, ist letztlich aber konsequent. „Aber die Nacht ist noch jung“ ist die gelungene, originelle Auseinandersetzung mit einem so aktuellen wie zeitlosen Thema, ein Roman, der mich vor allem im letzten Teil sehr gefesselt und begeistert hat.

Liat Elkayam: Aber die Nacht ist noch jung, aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer, Kunstmann Verlag, 2020, 352 Seiten

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