On und Off – Sally Rooney: Normale Menschen

Ich bin ziemlich spät dran mit Sally Rooney, habe ich das Gefühl, ich habe ihren gefeierten Erstling „Gespräche mit Freunden“ nicht gelesen, als er in aller Munde war. Manchmal scheint es mir, dass fast jede und jeder eine Meinung zu ihr und ihren Romanen hat. Es sind die üblichen zwei Lager: Die einen, die nichts als Lobeshymnen auf die junge irische Autorin singen und die anderen, die den Hype nicht verstehen. Ich war unsicher, ob mir ihre Romane gefallen würden, letztlich siegte dann aber die Neugier und habe „Normale Menschen“ gelesen.

Es ist die Geschichte von Marianne und Connell, die beide in einer irischen Kleinstadt aufgewachsen sind und in die gleiche Klasse gehen. Sie haben wenig gemein: Connell ist beliebt, spielt Fußball und hat viele Freunde. Er ist bei seiner Mutter Lorraine aufgewachsen, die sehr jung war, als er auf die Welt kam. Es waren immer nur sie beide. Lorraine geht in Mariannes Elternhaus putzen. Sie kommt aus wohlhabenden Verhältnissen, ist in der Schule aber eine Außenseiterin, benimmt sich „komisch“, wie es dort empfunden wird. Sie kümmert sich nicht darum, was andere von ihr denken. Als Connell seine Mutter von der Arbeit bei Mariannes Eltern abholt, kommen die beiden ins Gespräch und bemerken, dass sie sich etwas zu sagen haben, dass sie sich mögen. Und so beginnen sie eine Art Beziehung, zunächst heimlich, weil Connell sich für die unpopuläre Marianne schämt. Ihr Verhältnis ist unklar, es fällt ihnen schwer, einander zu sagen, was sie empfinden, was sie voneinander wollen oder erwarten. Eigentlich wissen sie es selbst nicht einmal. Es kommt zum Bruch.

Die beiden begegnen sich später auf dem College wieder und nun bleiben sie einander verbunden. Sie kommen erneut zusammen und trennen sich wieder, immer jedoch verstehen sie sich als enge Freunde, nehmen am Leben des anderen teil, schreiben sich, wenn sie sich nicht sehen. Andere Partner kommen und gehen. Nebenbei werden sie erwachsen, machen teils schmerzliche Erfahrungen, haben Sex, lassen sich ausnutzen, erleben komplizierte Gefühle. Sie bleiben einander die meiste Zeit eine feste und sehr wichtige Konstante, doch was das eigentlich ist zwischen ihnen, das bleibt lange im Unklaren.

Mir geht es selten so, dass ich wie hier während der Lektüre eines Romans einfach nicht weiß, was ich von ihm halten soll, dass ich mir während der Lektüre, wenigstens zu einem späten Zeitpunkt, nicht darüber klar werde, ob ich eine Geschichte als gelungen empfinde. „Normale Menschen“ entwickelt schnell einen Sog und zieht hinein in die Geschichte, die gut erzählt ist, aber nicht alles empfand ich als gelungen. So empfand ich das ständige Ausweichen der beiden Protagonisten teils als ermüdend, fragte mich, ob es ihnen nicht doch deutlich einfacher möglich gewesen wäre, klar und deutlich über ihre Form der Beziehung miteinander zu reden, zumindest später, als die beiden sich schon einige Jahre kennen. Immer wieder ist da ein Ausweichen, ein Missverstehen, das die Geschichte sich letztlich im Kreis drehen lässt. Irgendwann wurde mir klar, dass ich bei Marianne und Connell kaum eine Weiterentwicklung erkenne, dass sie ihr Verhalten immer wieder wiederholen, statt einfach mal etwas anderes gegenüber dem Anderen auszuprobieren und aus der Vergangenheit zu lernen.

Dass der Roman einige Themen verhandelt, die ich weniger spannend finde, kann ich ihm schwerlich ankreiden: Die ewige Frage nach der Beliebtheit an der Highschool zum Beispiel, das ständige, oberflächliche Reden über (ebenso oft oberflächlichen) Sex, das hat mich einfach nicht sonderlich interessiert. Themen wie das gewalttätig-gleichgültige Elternhaus Mariannes dagegen oder die psychischen Probleme Connells hätte ich gern vertieft gesehen, sie wurden aber zugunsten der Leichtigkeit, mit der der Roman daherkommt und -kommen soll, eher schnell abgehandelt.

So bin ich zwiegespalten: Rooneys Geschichte über zwei Menschen, die einfach nicht zueinanderfinden können, behandelt zweifellos ein zeitloses Thema, in dem sich jede und jeder wieder finden kann. Es zeigt sich auch, dass es oft komplizierter ist, als es von außen aussieht, dass es schwierig ist, sich darüber klar zu werden, was man eigentlich will und das dann auch auszusprechen, auch wenn mir dieses Spiel etwas zu weit getrieben wurde. Der Roman springt jeweils ein paar Monate voraus im Leben von Marianne und Connell, zeigt sie, wo sie inzwischen sind und bringt oft eine kurze Rückblende dessen, was zwischendurch passiert ist. Das liest sich innerhalb kürzester Zeit und ist auch ziemlich unterhaltsam erzählt, auch, weil Sally Rooney gelungene Dialoge schreibt und ihre Figurenzeichnung überzeugend ist. Dennoch, wirklich gezündet hat der Roman bei mir aus den genannten Gründen nicht.

Sally Rooney: Normale Menschen, aus dem Englischen von Zoë Beck, Luchterhand Literaturverlag, 2020, 320 Seiten

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