Flaneur – Dag Solstad: 16.7.41

Dag Solstads Roman „16.7.41“, der gerade im Dörlemann Verlag in der Übersetzung von Ina Kronenberger erschienen ist, ist ein nicht leicht zu fassendes Buch. Dabei ist es ein Roman, der sich gleich zu Beginn selbst einordnet und reflektiert. Er rückt die Beziehung von Autor und Erzähler ins Bewusstsein seiner Leserinnen und Leser und spielt mit dieser Beziehung. Gleich nach dem ersten Satz des Romans findet sich eine Fußnote, unter der zu lesen ist:

„Das schreibende Ich ist nicht identisch mit dem handelnden Ich, obwohl beide Schriftsteller sind und auch Dag Solstad heißen, es ist derselbe Name, der als Autor auf dem Titelblatt dieser Erzählung stehen wird.“ S. 39f

Weiter geht es mit Überlegungen zu diesen beiden Ichs, zu ihrem Wissenstand zum Zeitpunkt des Erzählens im Gegensatz zu dem, als sich die erzählte Geschichte zugetragen hat. Beide Ichs trennt der Autor in diesen Überlegungen strikt. Und für uns kommt noch eine dritte Ebene hinzu, wenn wir so wollen: Denn weder der Dag Solstad, von dem der Roman handelt, noch der Erzähler Dag Solstad, der behauptet, derjenige zu sein, der die Geschichte über die Figur Dag Solstad schreibt, sind zuverlässig der Autor Dag Solstad, der echte, wirkliche Schriftsteller, dessen Name vorn auf dem Roman zu lesen ist.

Die Erläuterungen in den Fußnoten kann man bei der Lektüre des Romans aber auch außen vor lassen und sich einfach nur der Geschichte widmen. Diese Geschichte allerdings ist relativ „spannungsfrei“ und entzieht sich Regeln, die wir von Romanen normalerweise gewöhnt sind. Dag Solstad, der echte, wohnte zu Beginn des Jahrtausends in Berlin Kreuzberg, nah des Landwehrkanals. Und wir folgen in „16.7.41“ der Figur Dag Solstads auf langen Spaziergängen durch Berlin.

Er erlebt Alltägliches, er erlebt eigentlich nie etwas Spektakuläres. Und so, wie er durch die Straßen Berlins flaniert, mäandert auch die Sprache dahin, sie folgt einem ruhigen Rhythmus in langen Sätzen, sie hat fast etwas Meditatives, dem ich mich gern hingegeben habe. Ich habe mich mehrmals gefragt, ob mich dieses gemeinsame Flanieren mit dem, der da überlegend und beobachtend durch die Stadt spaziert, weniger hineingezogen hätte, würde ich die Straßen und Orte nicht kennen und mir daher recht genau vorstellen können. Ich bin aber eine ungeduldige Leserin, so dass ich glaube, dass es anderen ohne Ortskenntnis vermutlich anders geht, dass Kreuzberg, Neukölln und Charlottenburg, wo es Solstad hauptsächlich hinzieht, vor den Augen dieser LeserInnen ebenso erscheinen werden, wie es bei mir der Fall war. Wir erfahren außerdem immer wieder Historisches über die Orte, die er besucht, ebenso wie von persönlichen Alltagsszenen, dem Versuch, Schuhe zu kaufen oder einem Abendessen in einem Lokal.

Diese Spaziergänge durch Berlin sind der eine Teil des Romans, während der andere sich einem Vortrag widmet, den Solstad in Lillehammer zu seinem Schreiben und seinem Selbstverständnis als Schriftsteller hält. Hier schließt sich ein Kreis, wenn der Autor die Art der Erzählung, die wir bis hierhin gelesen haben, reflektiert.

„Eine gute Geschichte macht noch keinen Roman. Der Roman hat zwar etwas, was man Erzählung nennen kann, eine Geschichte, und hat er sie nicht, dann macht die Abwesenheit der Geschichte die eigentliche Geschichte aus oder den bedeutungstragenden Teil. Dass die Abwesenheit einer Erzählung nicht nacherzählt werden kann, ist offensichtlich, aber auch dann, wenn die Erzählung auf dem Papier steht, lässt sie sich nicht nacherzählen. Es gibt sie nur im Roman.“ S. 183

„16.7.41“, übrigens das Geburtsdatum des Autors, ist weniger trocken als es hier klingen mag, wenn man auch eine Affinität haben sollte zu dieser Art der Erzählung, die nicht auf einen Höhepunkt zuläuft, die in ruhigen Bahnen schreitet, die dazu zwingt, sich der Geschwindigkeit des viel spazierenden Protagonisten anzugleichen. Wenn man das tut, wird man belohnt mit präzisen Beobachtungen und Gedanken aus dem Leben eines Schriftstellers, eines Mannes zunächst fern seiner Heimat und später eines Rückkehrenden. Der Roman, der im Original bereits 2002 erschien, lebt von der besonderen Erzählweise des Autors. Es ist ein Roman, dessen sanfte Bewegung man mitgehen sollte, statt sich gegen den Strom zu stellen.

Dag Solstad: 16.7.41, aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Dörlemann Verlag, 2020

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