Fliehen und Ankommen – Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen

Aidas Eltern flohen vor ihrer Geburt aus dem Irak in den Iran, wo sie in einem Flüchtlingslager geboren wurde. Jahre später kam die Familie, zu der auch ihre ältere Schwester Nosche gehörte, dann in die Schweiz. Hier verlebt Aida prägende Jahre, lernt die Sprache, findet Freunde und fühlt sich heimisch. Doch ihre Eltern kommen nie wirklich an, beschließen irgendwann, zurückzugehen in den Irak. Den Töchtern bleibt keine Wahl und so lernen sie die Heimat ihrer Eltern überhaupt erst kennen. Sie bleibt ihnen fremd. So beschließen sie, den Weg zurück in die Schweiz zu suchen, hinter dem Rücken der Eltern und mit Hilfe eines väterlichen Freundes der Familie, der schon lange in der Schweiz lebt, auch er irakischstämmig.

Zu Beginn des Romans „Im Fallen lernt die Feder fliegen“ von Usama Al Shahmani ist Aida eine junge Frau, die sich ein Leben in der Schweiz aufgebaut hat, einen Job hat und einen Freund, den sie liebt. Sie sind bereits seit einigen Jahren ein Paar, doch noch immer verschließt sich Aida vor Daniels Fragen nach ihrer Vergangenheit. Er ist interessiert, weiß aber fast nichts darüber und fühlt sich ausgeschlossen, während Aida nicht an den alten Wunden rühren will und kann. Das führt unweigerlich zu Konflikten. Als Daniel für einige Zeit die Stadt verlässt, beginnt Aida, ihre Geschichte aufzuschreiben.

Als Leserinnen und Leser des Romans lesen wir diese Geschichte und gehen mit Aida zurück in ihre Vergangenheit. Eindringlich schildert Al Shahmani die Probleme der Familie, Fuß zu fassen, als sie aus dem Iran in die Schweiz kommt, die Hürden, die zu bewältigen sind. Für Aidas Eltern ist es schwer, die Sprache zu lernen, ihre Schwester übersetzt für die Eltern und versucht, dem Vater, Verben beizubringen, während die Mutter von vornherein abwinkt: Sie brauche die Sprache nicht.

„… Ich bin nur auf Arabisch geduldig. Ich habe den Satz Ich habe Durst gelernt. Aber Lust auf Wasser hat der Satz nicht ausgelöst. Die Wörter finden keine Wurzeln in mir, egal, wie oft ich sie mir vorsage, sie wollen nicht bei mir bleiben. Wir haben den schönsten Dialekt der Araber, und dem will ich treu bleiben.“ S. 83

Ebenso geht es den Töchtern, als sie im Irak leben sollen: Sie fühlen sich nicht daheim. Die Mutter macht deutlich, dass Nosche bald heiraten soll, der Vater spricht davon, dass die Töchter „halb verdorben“ seien, als sie europäische Filme schauen möchten. Die Eltern leben eine Kultur, die für die Töchter bisher nur eine Theorie war und die nun für sie wirklich werden soll.

Al Shahmani erzählt in einem ruhigen Ton und oft schnörkellos, doch bedient er sich andererseits vielen, meist bildreichen Vergleichen. „Ihre Stimme zitterte wie der Flügel eines Schmetterlings.“ heißt es da zum Beispiel (S. 84) oder an anderer Stelle: „Ich empfing den Satz in Einzelteilen, wie wenn eine Welle am Strand auf den Felsen zurollt und beim Aufprall in tausend Einzelheiten zerbirst.“ (S. 121). Diese Bilder mögen nicht immer ganz stimmig sein, und sie lassen an eine orientalisch-blumige Erzählweise denken, aus deren Tradition der Autor kommt. Einmal eingelesen empfand ich das als passend und habe auch die manchmal ausschweifend-metaphorischen Weisheiten, die die Figuren von sich geben, als eine Art der übergeordneten Bestandsaufnahme empfunden, bei der nicht mehr wichtig war, ob Menschen wirklich so reden, so geschliffen wie bedeutungsschwer. Vielmehr bringen diese Stellen den Leserinnen und Lesern ein Lebensgefühl und eine Kultur näher.

Der Roman ist in seinem Aufbau recht traditionell, und er lebt von der Erzählstimme Aidas, der wir auf Schritt und Tritt folgen und die auch in kleinsten Episoden zu vermitteln weiß, was es heißt, in einem Land fremd zu sein und zu versuchen, dazuzugehören. Das gilt sowohl für die Schweiz als auch für den Irak: Hier sind es die Eltern, die es nicht schaffen, Fuß zu fassen, dort die Töchter, für die der Irak ein fremdes Land ist.

„Im Fallen lernt die Feder fliegen“ ist eine Fluchtgeschichte, die einmal mehr zeigt, dass hinter jedem Geflüchteten, der den gefährlichen Weg in ein verhofft besseres, in vielen Fällen schlicht ein sichereres Leben, auf sich nimmt, ein persönliches Schicksal steckt. Der Roman verdeutlicht, wie schwierig es ist, anzukommen und mit der eigenen Vergangenheit umzugehen, denn zwangsläufig sind damit schmerzhafte Erinnerungen verbunden: Aida mag fließend Schweizerdeutsch sprechen, hat ihre Sprache, wenn es um das Geschehene geht, aber verloren und somit ein Stück weit sich selbst. Al Shahmanis Roman ist das eindringliche und sensible Portrait dieser jungen Frau, das ich gern gelesen habe.

Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen, Limmat Verlag, 2020, 240 Seiten

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