Eine Familie rund um G20 – Katrin Seddig: Sicherheitszone

Familie Koschmieder lebt in Hamburg mit drei Generationen unter einem Dach. Jedoch ist Vater Thomas vor kurzem in die Gästewohnung über der Garage gezogen. Er hat sich in eine jüngere Frau verliebt. Natascha beobachtet durch das Wohnzimmerfenster, wie ihr Mann Besuch von seiner neuen Freundin bekommt. Sohn Alexander haben sie adoptiert, mittlerweile ist er erwachsen und arbeitet als Polizist. Seine Schwester Imke ist ein paar Jahre jünger. Die Beziehung der Geschwister wird auf die Probe gestellt, als der G20-Gipfel im Jahr 2017 in Hamburg stattfindet, denn plötzlich stehen sie auf verschiedenen Seiten: Imke engagiert sich bei „Jugend gegen G20“, während ihr Bruder die Demo sichern muss. Er macht sich einerseits Sorgen um seine Schwester, findet ihr Engagement andererseits falsch. Alexander mag es geordnet, klare Regeln empfindet er als beruhigend. Im Laufe des Romans wird deutlich, womit er im Inneren zu kämpfen hat.

Seine Eltern haben ihre eigenen Sorgen. Natascha überdenkt ihr ganzes Leben, nachdem Thomas sich von ihr getrennt hat, lernt ebenfalls jemanden kennen, was Thomas wiederum nicht gefällt. Natürlich weiß er, dass er dazu nichts mehr zu sagen hat, was es ihm aber nur noch schwerer macht. In seiner neuen Beziehung beginnt es bald zu kriseln und er ist sich nicht mehr sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat.

Im Haus, das Thomas verlassen hat, wohnt außerdem noch seine Mutter Helga, weit über 80, seit langem verwitwet. Die Erfahrungen des Krieges und in der Nachkriegszeit haben sie geprägt, aber auch generell das Leben in einer Zeit, in der Regeln und Rollenbilder noch andere waren. Wiederholt gerät sie darüber mit den anderen in der Familie aneinander. So ist für Helga weniger die Tatsache, dass Thomas sich neu orientiert hat, schlimm, sondern vielmehr, dass alle das wissen, auch glaubt Helga, dass für Männer in der Hinsicht andere Regeln gelten als für Frauen. Im Rückblick auf ihr Leben ist sie sich sicher, dass Anständigkeit und Dankbarkeit am wichtigsten sind und sie ist froh, ihrem eigenen Anspruch dort gerecht zu werden. Helgas Ansichten gegenüber den Flüchtlingen, die in den letzten Jahren ins Land gekommen sind, sind eindeutig: Für sie sind sie „Packzeug“, doch kaum ausgesprochen, erschrickt sie darüber, wegen Alexander, dessen leibliche Mutter aus einem anderen Land kommen könnte, da er ja „ein wenig dunkel“ sei. Doch schnell beruhigt sie sich, dass ihr Enkel ja deutsch sei „in seiner ganzen Art“. Mit Alexander versteht Helga sich gut. Er braust nicht auf, sucht keinen Streit. Mit Imke gerät sie dagegen immer wieder in Diskussionen, an deren Ende sie sich wie eine Verliererin fühlt.

Katrin Seddig wechselt in ihrem neuen Roman „Sicherheitszone“ oft zwischen ihren Figuren hin und her, erzählt Schlag auf Schlag aus wechselnden Perspektiven. So erfahren wir, wie die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander aussehen, wo es Probleme gibt, und woher diese Probleme kommen. Daneben hat aber jeder und jede von ihnen viel mit dem eigenen Leben zu tun: Die Eltern wissen nicht, wie es mit ihnen nach der Trennung weitergeht – oder ob die Trennung vielleicht noch gar nicht endgültig ist. Helga vergisst immer öfter ihre Pillen, ist manchmal verwirrt und lebt mehr in der Vergangenheit denn je. Imke nabelt sich zusehends ab, will etwas verändern und wird in ihrer Clique so was wie die natürliche Feindin ihres Bruders. Alexander weiß, dass auch bei der Polizei nicht alles richtig läuft, dass ein Polizist, der auf der Demo jemanden niederschlägt, keine Strafe zu erwarten hat. Sein Kampf mit sich und seinen Dämonen habe ich bei der Lektüre als besonders eindrücklich und überzeugend empfunden. Die Figur Alexander ist die interessanteste im Roman, eine Figur, bei der man gut noch weiter in die Tiefe hätte gehen können.

„Sicherheitszone“ erzählt also von dieser Familie, die alle mit dem G20-Gipfel in irgendeiner Weise zu tun haben. Natascha macht bei einer Kunstaktion mit, was für sie etwas komplett Neues ist, Thomas’ Suche nach Imke auf der Demo endet für ihn unerwartet. Sie alle sind gezwungen, sich zu positionieren, sie wollen sich positionieren.

Leider hat mich nicht jede der Figuren so interessiert, wie es bei Alexander der Fall war. Über jemanden wie Thomas, der mit Anfang 50 seine Frau für eine Jüngere verlässt, hat man schon oft gelesen, auch Nataschas Reaktion auf die Midlife Crisis ihres Mannes konnte mich nicht fesseln. Mit Imkes jugendlichem Bestreben, etwas zu verändern, sich zu engagieren und dabei bewusst ihre Familie vor den Kopf zu stoßen, ging es mir ähnlich. Über den Adoptivsohn, der auch deshalb Polizist wird, weil er seinem inneren Chaos etwas entgegensetzen will, hätte ich dagegen gern mehr gelesen. Auch Helga ist eine stark gezeichnete Figur, wenn sie auch mit ihren verstaubten, teils rassistischen Ansichten und ihrer Selbstgerechtigkeit alles andere als eine Sympathieträgerin ist.

So haben mir einzelne Aspekte des Romans gut gefallen, andere weniger zugesagt. Letztlich ist „Sicherheitszone“ ein gut lesbarer Familienroman, der meist gut unterhält und in dem treffende Beobachtungen zu finden sind, der mir letztlich aber in zu ausgetretenen Bahnen verläuft.

Katrin Seddig: Sicherheitszone, Rowohlt Verlag, 2020, 464 Seiten

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