Schlaganfall – Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Mit 51 Jahren erleidet Joachim Meyerhoff einen Schlaganfall. Er weiß sofort, was geschieht, und vor allem weiß er, dass es schnell gehen muss: Zeit ist Hirn. Seine Tochter, der er gerade bei einer Hausarbeit geholfen hatte, ruft den Notarzt, der, einmal da, erst einmal nicht losfährt zum Krankenhaus. Die Sanitäter benötigen das Okay der Zentrale und den Ort, an den man Platz für den Schlaganfallpatienten hat. Die Tochter macht Druck, der Vater sitzt panisch im Rettungswagen und sieht sein Gehirn unwiderrufliche Schäden nehmen, bis es endlich losgeht.

Der neue, fünfte Roman in Joachim Meyerhoffs autobiographischer Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ mit dem etwas sperrigen Titel „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist also der Roman seines Schlaganfalls. Wie immer frage ich mich beim Lesen, wie viel von dem Erzählten genauso passiert ist, wie immer bin ich mir genauso sicher, das spielt keine Rolle. Dass ich Meyerhoff bei der Lektüre vor mir sehe, scheint mir logisch, schließlich stimmen biographische Daten, Familienkonstellationen und Lebensstationen überein. Wichtig scheint mir, nicht zu vergessen, dass es so gewesen sein könnte, aber nicht muss.

Wir sind wieder ganz nah am Geschehen, wie es auch in Meyerhoffs vorigen Romanen der Fall war. Die Schilderung der ersten Zeit nach dem Schlaganfall, die ersten Nächte in der Klinik erzählt Meyerhoff in ausführlicher Präzision, so dass man fast das Gefühl hat, alles geschehe zeitgleich mit der Lektüre. Dies trägt sicher dazu bei, dass das Gelesene so nah geht, man das Gefühl hat, zumindest ein wenig nachvollziehen zu können, wie es für Meyerhoff ist, mit der Diagnose Schlaganfall und all den Ängsten und Sorgen, die dies mit sich bringt, im Krankenhaus zu liegen.

Wie immer ist es die Mischung, die Meyerhoffs Roman so besonders macht: Er erzählt von den ersten Nächten, in denen er alles versucht, um nicht zu schlafen, in denen er seinem beschädigten Gehirn Aufgaben stellt, vor lauter Angst, im Schlaf könne sich ein weiterer, deutlich schlimmerer Schlaganfall ereignen. So geht er nachts innerlich auf Reisen, erinnert sich an einen Wanderurlaub in Norwegen, den er mit seinem Bruder gemacht hatte. Oder an die Reise in den Senegal mit seiner Freundin Sophie, abenteuerlich und ohne jeden Komfort, doch im Rausch des Verliebtseins, denn beide waren zu dem Zeitpunkt noch nicht lange zusammen. Meyerhoff lässt uns teilnehmen, und so entstehen diese Touren äußerst plastisch vor den Augen der LeserInnen, da er diesen ganz besonderen, sehr genauen Blick auf das Geschehen hat.

Das gilt auch für alles, was im Krankenhaus geschieht. Meyerhoff hat einen Blick für Kleinigkeiten, fühlt sich hinein in seine Mitpatienten, auch in die Ärzte, und er begegnet allem mit dem ihm eigenen Humor. Es ist ein stetiges Hin und Her zwischen dem Traurigen und dem Komischen, es ist die Komik im Traurigen. Das war schon in seinen früheren Romanen so, sind seine Bücher ein stetes Wandern zwischen diesen beiden Extremen, und scheint Meyerhoff stets verhindern zu wollen, dass eines davon die Oberhand gewinnt. Auch sich selbst nimmt er dabei nicht aus bzw. nicht immer allzu ernst, was allerdings angesichts der ernsthaften Diagnose schwieriger ist als in den Vorgängerromanen. Ein Schauspieler, der einen Schlaganfall erleidet, der plötzlich physisch enorm eingeschränkt ist, der nicht weiß, ob er seinen Beruf je wieder wird ausüben können, es geht für ihn um die Existenz. Werden die anstrengenden Abende auf der Bühne je wieder möglich sein? Wird er sich wieder verausgaben, körperlich fit genug sein, ebenso wie geistig, allein schon, um sich den vielen Text zu merken?

Es gibt viele wunderbare, witzige, selbstironische und auch sentimentale Momente in „Hamster im hinteren Stromgebiet“, und die ureigene Art des Autors, davon zu erzählen, seine Wortschöpfungen, machen seinen Roman zu einem unverwechselbaren Meyerhoff-Buch. Da schnaubt sich ein Mitpatient in seine kapitaler werdende Erregtheit, oder es flipperten ihm Szenarien durch die Hirnwindungen. Vor allem ist der Roman launig und warmherzig, er schreckt nicht vor Melancholie zurück, zieht aber stets die Notbremse, bevor es kitschig oder zu rührselig werden kann. Auch der etwas merkwürdig-sperrige Romantitel erklärt sich schlüssig. Nachdem ich Meyerhoffs letzten Roman „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ als nicht ganz so stark wie den Vorgänger „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ empfand (einer meiner absoluten Lieblingsromane der letzten Jahre), hat er mich hier wieder komplett überzeugt. „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist ein typischer Meyerhoff-Roman, und ich hoffe, es werden weitere folgen, auch wenn die Reihe eigentlich, soweit ich weiß, als abgeschlossen gilt.

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2020, 320 Seiten

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6 Antworten zu Schlaganfall – Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

  1. Bookster HRO schreibt:

    Den hebe ich mir wieder für die Weihnachtszeit auf, wie in den letzten Jahren auch. Schön zu hören, dass er Dich überzeugen konnte.
    LG

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    • letteratura schreibt:

      Ja, das hat er, ich hoffe, Meyerhoff hört nicht mit dem Schreiben auf. :) Für mich war hier die Mischung aus Tragik und Komik perfekt, und das ist ja eh das, was ich so sehr an seinen Büchern mag. Ich hoffe, Dir wird es auch gefallen. ;) Viele Grüße an die Ostsee!

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  2. Christoph schreibt:

    Auf das Buch freue ich mich schon seit einer Weile sehr — und erst recht, nachdem es offenbar deutlich stärker ist als der Vorgänger. Der war nämlich für mich auch der mit Abstand schwächste Teil der ansonsten durchweg großartigen Reihe.

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe es so empfunden, aber sicher hängt es auch damit zusammen, dass die nachdenklichen Themen hier mich gerade sehr angesprochen haben. Mein Liebling der Reihe ist ja die „entsetzliche Lücke“, und der erste Teil fehlt mir noch ganz… viele Grüße!

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      • Christoph schreibt:

        Der dritte Teil ist auch eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre — allein der wunderbaren Großeltern wegen.

        Ich habe die Reihe erst recht spät entdeckt (der erste Band war ein Weihnachtsgeschenk), dann aber die ersten drei Teile sehr schnell hintereinander weggelesen.

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      • letteratura schreibt:

        Ja, die Großeltern! Lieberlein! ;)

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