Zwischen Fiktion und Konstruktion – Lisa Halliday: Asymmetrie

Als Lisa Hallidays Debütroman vor ca. zwei Jahren in den USA sowie in der deutschen Übersetzung von Stefanie Jacobs im Hanser Verlag erschien, war überall von der früheren Beziehung Lisa Hallidays zu Philip Roth zu lesen. Nun liegt das Taschenbuch bei btb vor.

Als junge, angehende Schriftstellerin war Halliday mit dem wesentlich älteren Roth liiert. In „Asymmetrie“ ist ihre Hauptfigur Alice, 25, mit dem berühmten Autor Ezra Blazer zusammen, der die 70 bereits überschritten hat. So war man sich sicher, dass Halliday hier Autobiographisches verarbeitet hat, ja, dass „Asymmetrie“ ein Werk der Autofiktion ist. Die Wahrheit ist wohl eher, dass diese Beziehung als Inspiration gedient hat, dass selbst Erlebtes zwar – in welcher Form auch immer – in den Roman gefunden hat, der aber genau das ist: ein Werk der Fiktion.

„Asymmetrie“ beginnt damit, wie sich Alice und Ezra kennenlernen auf einer Parkbank im Central Park. So unspektakulär wie selbstverständlich finden sie zueinander und führen eine Beziehung, die allein schon deshalb asymmetrisch ist, weil viele Lebensjahre zwischen ihnen liegen. Doch sie haben auch viel gemeinsam: Er ist Autor, sie Lektorin, sie verkehren in den gleichen Kreisen, Alice möchte selbst schreiben. Die Unterschiede zwischen ihnen sind den beiden immer bewusst und werden auch immer wieder thematisiert, doch immer kommen die beiden zu dem Schluss, dass ihre Beziehung das ist, was sie beide wollen, auch wenn ebenso klar sein dürfte, dass sie nicht von langer Dauer sein kann.

Asymmetrisch ist Hallidays Roman aber auch in seinem Aufbau, als die Geschichte von Alice und Ezra plötzlich abbricht und eine völlig andere beginnt: Amar, ein amerikanisch-irakischer Doktorand wird am Flughafen Heathrow festgehalten und dort von einem Verhör ins nächste geschickt. Man ist freundlich, man beschuldigt ihn nie offen irgendwelcher Vergehen, wobei der Grund dieses Vorgehens natürlich immer unausgesprochen im Raum steht: sein Name, seine Herkunft, sein Aussehen. Amar erzählt uns in dieser langen Nacht am Flughafen seine Lebensgeschichte. Dieser Teil scheint mit dem vorangegangen erst einmal nichts zu tun zu haben. Im letzten, deutlich kürzeren Teil kehren wir dann noch einmal zu Ezra zurück, den wir aber in einer anderen Situation als zuvor wieder finden.

„Asymmetrie“ ist in jedem seiner einzelnen Teile ein Roman über das Schreiben, ob nun thematisiert direkt in den Figuren des Autors und der angehenden Schriftstellerin oder in der Frage, ob es einer jungen weißen Frau möglich ist, überzeugend aus der Sicht eines Irakers zu schreiben. Kann man sich so weit in komplett andere Lebensläufe und kulturelle Hintergründe hineinversetzen, dass das gelingen kann?

Lisa Halliday verhandelt diese Fragen klug und überzeugend und schreibt dabei außerdem äußerst unterhaltsam. Die Geschichte einer Beziehung mit sehr großem Altersunterschied liest sich nicht wie eine Altmännerphantasie und ist weitgehend glaubwürdig, beide Partner des Arrangements sind interessant genug, Hallidays Dialoge auf den Punkt, so dass dieser Teil nicht langweilig wird. Ebenso ist die Geschichte um Amar so gut recherchiert, sein Charakter so überzeugend ausgearbeitet, dass auch hier keine Langeweile aufkommt.

„Asymmetrie“ ist  vor allem ein sehr konstruierter Roman, bei dem das nicht-Symmetrische Programm ist. Es ist ein Roman, dessen wahre Geschichte erst mit der Zeit immer deutlicher wird. Dies aber in so organischer und eleganter Weise, dass die Konstruktion sich niemals in übertriebener Weise aufdrängt. So kann es die Lektüre nicht verderben.

Lisa Halliday: Asymmetrie, aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, btb Taschenbuch Verlag, 2020, 320 Seiten

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2 Antworten zu Zwischen Fiktion und Konstruktion – Lisa Halliday: Asymmetrie

  1. Mikka Liest schreibt:

    Hallo,

    danke für die sehr interessante Rezension! Sie regt dazu an, die verschiedenen im Buch angesprochenen Aspekte der Asymmetrie selber zu entdecken.

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Es ist eigentlich ein Roman, über den man vorher so wenig wie möglich wissen sollte, aber das gibt dann leider nicht so viel her… :) viele Grüße!

      Liken

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