Eine neue Heldin in Neapel – Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Elena Ferrante hat nachgelegt. Nach dem überwältigenden Erfolg ihrer Neapolitanischen Saga hat der Suhrkamp Verlag nach und nach ältere Romane der Autorin herausgegeben, deren Besprechungen auch auf diesem Blog zu finden sind. Ich empfand ihr Debüt „Lästige Liebe“ zwar als noch nicht ausgereift, die späteren Werke aber, „Frau im Dunkeln“ und vor allem „Tage des Verlassenwerdens“ haben mich sehr in den Bann gezogen. Ferrante lesen kann soghaft sein, oft ist alles auf zwingende Weise folgerichtig, und vor allem lässt Ferrante ihre Leserinnen und Leser immer sehr nah an ihre Figuren heran, so dass man das Gefühl hat, man sei mitten im Geschehen.

Dass man „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“, den ersten Roman, den Elena Ferrante nach der Neapolitanischen Tetralogie schrieb, in besonderem Maße mit der Geschichte um Elena und Lila vergleicht, lässt sich wohl kaum vermeiden. Hat die Autorin sich weiter entwickelt? Gelingt es ihr, etwas Neues zu schaffen, etwas, das nicht nur die alte Geschichte in neuem Gewand wiederholt?

Die Stimmung, das „Feeling“, der Sound, das alles ist von der ersten Seite an da. Ferrante klingt einfach wie Ferrante. Und sie wählt einen Einstieg mit Wucht, der die gesamte Handlung des Romans mit einem Satz ins Rollen bringt: Giovanna wächst in einem gutbürgerlichen Haushalt in Neapel auf, mit gebildeten Eltern und guten Umgangsformen. Doch ihre Welt wird erschüttert, als sie eines Abends mithört, wie ihr geliebter Vater zur Mutter sagt, dass sie immer hässlicher werde.

„So erfuhr ich mit zwölf Jahren aus dem Munde meines Vaters, der sich bemühte, leise zu sprechen, dass ich nun wie seine Schwester wurde, eine Frau, die – das hatte ich von ihm gehört, seit ich denken konnte – die Hässlichkeit in Person war.“ S. 12

Es wird sich herausstellen, dass der Vater seine Worte weniger schlimm gemeint hat, als sie bei Giovanna angekommen sind, dass er sie nie gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, dass sie ihn hören kann, doch Giovanna ist tief getroffen. Auf der anderen Seite will sie nun wissen, wie sie ist, diese Tante Vittoria, zu der ihre Eltern keinen Kontakt haben und die sie noch nie getroffen hat, da sich die Familie vor langer Zeit unwiderruflich zerstritten hat. Ihre Eltern erlauben ihr schließlich, Vittoria zu treffen. Und dieses Treffen setzt eine Entwicklung in Gang, die alles verändern wird.

„Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ umfasst einige Jahre im Leben Giovannas, etwa ab ihrem 12. bis zu ihrem 15. Lebensjahr. In dieser Zeit lernt sie, dass es auch ein anderes Neapel gibt als das, in dem sie wohlbehütet aufgewachsen ist, ein armes, eines, in dem Dialekt gesprochen wird, eines, in dem man schimpft und schreit. Giovanna ist fasziniert von ihrer Tante, die, kaum dass sie sich begegnet sind, beginnt mit Giovanna über Sex zu sprechen, in einer Art und Weise, die Giovanna gleichzeitig verschreckt und fasziniert. Vittoria ist es auch, die Giovannas Sicht auf die Eltern in Frage stellt, sie lässt kein gutes Haar an ihnen und erzählt Giovanna, dass sie eingebildete, überhebliche Lügner seien.

Daheim geht es weiter mit der Erschütterung ihres Weltbilds: Als sie mit ihren Eltern eine befreundete Familie besucht – mit derenTöchtern Angela und Ida ist Giovanna von klein auf eng befreundet – bemerkt sie, dass der Vater der anderen Familie unter dem Tisch den Fuß ihrer Mutter berührt. Ist die Ehe der Eltern also auch eine Lüge? Hat Vittoria recht mit dem, was sie über die Verlogenheit ihres Bruders sagt?

Ferrante erzählt in ihrem neuen Roman von der manchmal schmerzhaften Entwicklung Giovannas, es ist eine Geschichte des Erwachsenwerdens. Giovanna macht erste Erfahrungen mit Jungs bzw. jungen Männern, die sie wie selbstverständlich für sich beanspruchen, die glauben, ein Recht auf Giovannas Körper zu haben. Teils gefällt ihr das und lässt sie sich auf diese Typen ein, testet, wie weit sie gehen kann, doch sie ist auch in der Lage, deutliche Grenzen zu setzen. Und sie verliebt sich in einen jungen Studenten, der in ihr offenbar eine intellektuell gleichwertige Gesprächspartnerin sieht, dem es nicht nur um Sex zu gehen scheint, doch ist er mit einer Freundin von Giovanna verlobt.

So gibt es einige Zutaten, die offenbar in jeden Ferrante-Roman gehören: Es gibt das arme, das ordinäre Neapel, in dem Dialekt gesprochen, geflucht und geschrieen wird. Es gibt das andere, das gebildete Neapel, in das Giovannas Vater sich heraufgearbeitet hat, sich aber mit seiner kompletten Familie darüber überworfen hat. Es gibt die weibliche Hauptfigur, eine junge Frau, die ihre Sexualität und das „lügenhafte Leben der Erwachsenen“ entdeckt. Die bemerkt, dass hinter der Fassade alles anders aussieht, dass offenbar jeder lügt – und so beginnt sie selbst ebenfalls damit, zu lügen.

Ob der neue Roman nun mit der Tetralogie mithalten kann? Da sind weitere, schockierende Elemente, ebenfalls typisch für Ferrantes Romane. In ihren anderen Werken ist es oftmals die Mutter, die ihre Kinder nicht in jedem Fall und in jeder Minute ihres Lebens über alles andere stellt, sondern auch für sich selbst Raum und Erfüllung jenseits der Mutterschaft einfordert. Ein unpopuläres Mutterbild. Hier ist es womöglich die Art und Weise, wie Giovanna einerseits Berechnung lernt, ist es die Kälte, die sie einerseits ausstrahlt, sich andererseits ausprobiert mit den jungen Männern, die sich ihr direkt und ungehobelt nähern. So wie in der Szene, in der sie sich fast überreden lässt, alles zu tun, was einer der jungen Männer von ihr verlangt, doch der „Latrinengeruch“ aus seiner Hose ekelt sie dann doch zu sehr. Womöglich überstrahlt die Tetralogie das neue Werk ein wenig, doch in meinen Augen ist auch dieser Roman ein gelungenes und eigenständiges Werk.

„Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ könnte man ähnlich der Saga fortsetzen, es wäre interessant zu sehen, wie Giovannas Leben weitergeht, wie sie dann wirklich erwachsen wird, wie sich ihr Verhältnis zu den Eltern entwickelt, überhaupt, ob die Eltern ihrerseits glücklich werden. „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ ist erneut ein sinnlich-süffiges, sehr unterhaltsames Buch über Armut und Emporkommen, über Adoleszenz und erste sexuelle Erfahrungen, über Beziehungen und Freundschaften. Und so sind, trotz der ähnlichen Zutaten, trotz der überlappenden Themen aus dem Kosmos in Elena Ferrantes Neapel längst nicht alle Geschichten erzählt.

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen, aus dem Italienischen von Karin Krieger, Suhrkamp Verlag, 2020, 415 Seiten

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