Ungleiche Chancen – Deniz Ohde: Streulicht

Es ist längst bekannt und statistisch belegt: Die soziale Herkunft prägt in großem Maße das Leben und die Chancen von Kindern und Jugendlichen. Für sie ist es ungleich schwieriger, Abitur und Studium zu bewältigen, als für Jugendliche aus Akademikerhaushalten. Deniz Ohde erzählt in ihrem Debütroman „Streulicht“ die Geschichte einer jungen Frau, die es geschafft hat, sich Bildung anzueignen, sich Chancen zu ermöglichen, zu studieren, und das, obwohl sie es sogar doppelt schwer hat: Nicht nur hat sie mit struktureller Benachteiligung zu kämpfen, weil sie aus einer Arbeiterfamilie kommt, sie hat außerdem eine türkische Mutter und wird daher immer wieder mit Rassismus konfrontiert.

Erzählt wird „Streulicht“ aus der Ich-Perspektive, den Namen der Protagonistin erfahren wir nicht. Der Roman beginnt mit einer Rückkehr in die Heimatstadt und erzählt dann die Geschichte von Kindheit an chronologisch.

Schon die Beziehung der Eltern war schwierig: Die Mutter herausgerissen aus einem „Fünfhundert-Seelen-Dorf an der Schwarzmeerküste“, fern der Heimat in einem für sie fremden Land, der Vater Alkoholiker und Messie, der sein Leben nicht in den Griff bekommt und immer wieder an seinen Ansprüchen scheitert, auf das Arbeitermilieu, dem er angehört, aber auch stolz ist. Der Tochter gibt er auf den Weg, dass sie für nichts „richtiges Talent“ habe, was aber nötig sei, um es zu etwas zu bringen:

Selbst die sogenannten Sternchenaufgaben (die man als zusätzliche Fleißarbeit machen konnte und die es brauchte, um Einsen zu bekommen) redete er mir aus: „Das Wichtigste ist, im Leben möglichst einfach durchzukommen.“ Sich anzustrengen führte zu nichts, davon war er überzeugt. „Das ist mir zu fein“, war ein Satz, den er bereits über Stoffservietten sagte.“  S. 96

So lernt die Erzählerin von klein auf, dass die Dinge gegeben und unabänderlich sind, ihr Weg vorgezeichnet, dass sie sich gar nicht erst anstrengen muss. In der Schule wird sie darin bestätigt, bekommt schlechte Noten und wird nicht gefördert. Eine Benachteiligung, die sie sich selbst in den Augen ihrer Freundin Sophia, die aus einem gutbürgerlichen Haus kommt, nur einbildet.

„… Es gäbe keine feindliche Gruppe, keine feindliche Umgebung. „Du nimmst die Dinge eben immer gleich persönlich“, sagte sie, und alle Anfeindungen glitten mir aus den Händen, glitten an der verspiegelten Scheibe herab und rutschten langsam zu Boden, wo sie kleben blieben wie ein Stück zerkautes Zellophan. Jede Anfeindung spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon wieder verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.“ S. 124

Deniz Ohde gelingt es enorm eindrücklich, zu vermitteln, wie ihre Erzählerin systematisch ausgebremst wird, wie ihr von klein auf eingebläut wurde, sie werde es nie zu etwas bringen, und das sowohl im Elternhaus, das ihren Wunsch nach Bildung nicht verstehen kann und sie daher auch nicht unterstützt, als auch in der Schule, wo ihre Leistungen stets schlechter bewertet werden als die der anderen. Als sie es später durch große Anstrengung schafft, auf dem Zweiten Bildungsweg die Voraussetzungen für die Zulassung zum Abitur zu erhalten, bewertet der Referendar, der kaum fünf Jahre älter ist als sie selbst, mit der Begründung schlechter, dass sie aufgrund der Jahre, die sie älter sei als ihre Mitschüler, schon mehr Wissen haben müsse.

Schmerzlich ist es auch, von der Sprachlosigkeit der Protagonistin zu lesen, von den so nachvollziehbaren Schwierigkeiten, sich erfolgreich zu wehren gegen die Ungleichbehandlung, die ihr widerfährt (es ist klar, dass sie keine Chance damit hätte). Sie ist ein schüchternes Kind, dem es schwerfällt, auch nur die kleinste Silbe zu seiner Verteidigung vorzubringen. Sie hat das nicht gelernt und weiß nicht, ob sie sich auf das Gefühl der Ungerechtigkeit, das sie so deutlich spürt, verlassen kann.

Und dann ist da auch noch der Rassismus. Den selbst die Mutter nicht wahrhaben will, wenn sie der Tochter sagt, die rassistische Beleidigung, die diese gehört habe, könne nicht ihr gegolten haben: Schließlich sei sie ja Deutsche. So ist die Herkunft der Mutter kaum Thema, verleugnet die Protagonistin ihren zweiten, türkischen Namen.

Deniz Ohde erzählt eindringlich von den zermürbenden Erfahrungen der Hauptfigur, die die Leserschaft nicht kalt lassen können. Oftmals scheint sich die Ich-Erzählerin, die aus zeitlicher Entfernung über ihre Kindheit und Jugend voller Benachteiligung berichtet, vom Geschehen zu distanzieren, sie deutet an und lässt aus, nimmt sich Zeit für Beschreibungen. Begebenheiten, die starke Gefühle bei ihr auslösen, vermittelt sie in starken Sprachbildern.

„Streulicht“ erzählt von einer doppelt Unverstandenen: dort, wo sie herkommt genauso wie dort, wo sie hin möchte. Da hilft es auch nicht, dass sie den genauen Lebensplan bis ins Detail noch nicht vor sich sieht, dass sie außer dem vagen Wunsch zu studieren, nichts vorzuweisen hat, wenn man darüber entscheidet, ob sie den ersehnten Schulplatz bekommen wird. Keinen Plan haben, das dürfen andere.

Ohde erzählt fesselnd von der Entwicklung ihrer Heldin, davon, wie sie ihre Stimme und den Weg aus Unsicherheit und Schüchternheit findet. Die karge Industrie, in deren Umfeld sie aufwächst, scheint ein passender Hintergrund zu sein für der Lieblosigkeit, die sie erfährt zwischen den Eltern, die selbst mit ihrem Leben überfordert sind. Ohde macht all das fühl- und nachvollziehbar, und es ist wahrscheinlich, dass sie eigene Erfahrungen verarbeitet, letztlich aber völlig unerheblich.

„Streulicht“ steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020, eine für mich nachvollziehbare und gerechtfertigte Nominierung. Es ist ein starker, ein oftmals harter Roman, der immer dann schmerzlich zu lesen ist, wenn man nur zu deutlich spürt, dass es genauso wahrscheinlich immer wieder abläuft: Dass die, die die schlechteren Voraussetzungen haben, umso mehr kämpfen müssen. Sprachlich meist einfach gehalten, durchsetzt von einigen sehr eindrücklichen, poetischen und starken Bildern. Große Empfehlung.

Deniz Ohde: Streulicht, Suhrkamp Verlag, 2020, 284 Seiten


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