Eine amerikanische Familie – Ben Lerner: Die Topeka Schule

Adam ist Debattierer, und er ist sehr gut darin. Er nimmt regelmäßig sehr erfolgreich an Wettbewerben teil. Dabei hat er auch das „Schnellsen“ drauf, eine Technik, in der man kaum noch versteht, was überhaupt gesagt wird, es aber im besten Fall schafft, alle seine Argumente unterzubringen, bzw. auf die des Gegners einzugehen, was wiederum Punkte gibt, die man benötigt, um zu gewinnen. Ben Lerner, Autor von „Die Topeka Schule“ war in seiner Schulzeit ebenfalls Debattierer und ebenfalls sehr erfolgreich. Er weiß also, wovon er schreibt.

Das sind nicht die einzigen Parallelen zwischen Lerner und seinem Protagonisten Adam, vielmehr gleicht einiges an Leben, an Werdegang, am Beruf der Eltern einander. Vielleicht also Autofiktion, vielleicht Inspiration, vielleicht ein bisschen von beidem.

Erzählt wird der Roman aus drei Perspektiven: Der Adams und der seiner Eltern, Jane und Jonathan. Adam ist geprägt vom Beruf seiner Eltern, die beide Psychologen sind und an der berühmten Menninger Foundation in Topeka forschen. Jonathan konzentriert sich in seiner Arbeit auf Jungs im Teenageralter, die, zwar privilegiert, dennoch in ihrem Leben nicht zurechtkommen. Jane wurde durch feministische Bücher bekannt, für die sie oftmals beschimpft und bedroht wurde. So war Adam als kleines Kind oftmals derjenige, der das Telefon abnahm und die Beschimpfungen abbekam, eine verstörende wie einschneidende Erfahrung. Und die Eltern haben stets einen psychologisch-analytischen Blick auf ihren Sohn.

Die einzelnen Kapitel scheinen oft erst einmal wegzuführen vom Geschehen. Jane erzählt von ihren Erfahrungen als Mutter, von ihrer Beziehung zu Jonathan, aber auch von einer schwierigen Freundschaft und von ihrer Liebe zu ihrem Sohn. Jonathan reflektiert über Erziehung und über seine Arbeit und bringt durch seine Gefühle für eine andere seine Ehe in Gefahr. Doch „Die Topeka Schule“ geht weit darüber hinaus, in den vielen Schichten des Romans wird die Stimmung eines ganzen Landes zu verschiedenen Zeitpunkten ganz selbstverständlich miterzählt.

Ben Lerners Roman „Die Topeka Schule“ spielt zum großen Teil in den 90er Jahren, geht aber auch zurück bis in die 60er und reicht bis in die Gegenwart, in der Adam erwachsen ist. Dabei empfand ich den Roman teils als konfus, jedes neue Kapitel schien erst einmal vom vorherigen wegzuführen, jede neue Figur schien einfach irgendwo einzusetzen und sich willkürlich einem Thema zu widmen (was natürlich nicht der Fall ist, denn es hängt alles zusammen). Mit der Zeit lichtete sich der Nebel etwas, doch Lerner lässt seine Leser durchaus selbst arbeiten, die Puzzleteile zusammensetzen und verweigert auch gern nähere Erläuterungen. Obwohl ich eine raffinierte Erzähltechnik mag und auf offene Fragen gern eigene Antworten finde, hat mich das hier teils frustriert, aber auch fasziniert, so dass ich dennoch gefesselt war und immer wieder hineingezogen wurde in die vielen starken und sehr eindrücklichen Szenen, die Lerner zweifellos schafft.

„Die Topeka Schule“ erhielt jede Menge Vorschusslorbeeren und wurde in den USA als neuer, großer, amerikanischer Gesellschaftsroman gefeiert. Bei Lerner hängt alles irgendwie mit allem zusammen, doch dieses Bild wird erst im Laufe, mehr noch nach Beenden der Lektüre klarer. Ein paar Zusammenhänge und Querverweise mehr hätten den Roman vielleicht zu einer noch ansprechenderen, in jedem Fall zu einer einfacheren Lektüre gemacht. So bleibt das etwas konfuse, aber doch überzeugte Gefühl zurück, einen guten Roman gelesen zu haben, von einem, der etwas einerseits über ein ganzes Land, andererseits über den Mikrokosmos Familie zu sagen hat, dem er sich klug und analytisch annähert.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Bookster HRO.

Ben Lerner: Die Topeka Schule, aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl, Suhrkamp Verlag, 2020, 395 Seiten

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