Segen – Kent Haruf: Kostbare Tage

Zurück nach Holt, in diese fiktive Kleinstadt in Colorado, in der alle Romane des US-amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf angesiedelt sind. „Kostbare Tage“ erschien in den USA 2013, ein Jahr vor dem Tod des Autors, und es ist ein Roman um das Sterben, um das Gehen, das sich Verabschieden – wobei das zu kurz gegriffen wäre für diesen empfehlenswerten Roman um einfache, pragmatische, liebenswerte Menschen.

Haruf hat insgesamt sechs Romane geschrieben, die alle in Holt spielen und die der Diogenes Verlag nach und nach auf Deutsch neu herausgibt. Bereits „Lied der Weite“ und „Abendrot“ habe ich sehr gern gelesen. Kent Haruf erzählt in seinen Romanen jeweils von verschiedenen Menschen, es sind Alltagsbeschreibungen auf der einen Seite, während die großen Ereignisse, das Einschneidende im Leben der Menschen auf der anderen Seite immer mitschwingt, die Enttäuschungen, die Schuld, aber auch die Momente des Glücks. Haruf wechselt meist kapitelweise zwischen seinen Figuren, die dann auch am Rande bei den anderen auftauchen dürfen. Man kennt sich, man mag sich oder kann sich nicht leiden, man redet übereinander. Einige seiner Figuren tauchen dann auch im nächsten Roman wieder auf, andere werden neu eingeführt. Jeder Roman ist eigenständig lesbar.

„Kostbare Tage“, im Original „Benediction“, also „Segen“, stellt nun Dad Lewis in seinen Mittelpunkt. Zu Beginn des Romans erhält er die Diagnose, dass sein Krebs nicht heilbar ist, die Ärzte geben ihm noch ungefähr einen Monat. Es ist ein Monat, in dem Dad sich verabschieden wird, in dem er sein Leben Revue passieren lassen wird. Es ist aber auch die Zeit, die seiner Frau Mary, mit der er seit mehr als einem halben Jahrhundert verheiratet ist, und seiner Tochter Lorraine bleiben wird, um sich ihrerseits von Ehemann und Vater zu verabschieden.

Und so sind wir bei den kleinen Handgriffen dabei, bei den Versuchen der beiden Frauen, Dad seine letzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Ihm zu helfen bei dem, was er allein nicht mehr schafft, und ihm dabei seine Würde zu lassen. Wir erfahren aber auch von dem, was der alte, sicher auch sture Mann, bereut, wenn er seine Eltern und seinen Sohn herbei halluziniert. Mit Frank hat er seit Jahren keinen Kontakt mehr – hier verbirgt sich wohl die große Schuld seines Lebens, eine Schuld, die auch die Beziehung zu Mary geprägt hat. Dennoch hat sie niemals einen Zweifel daran gelassen, dass ihr Platz immer an der Seite ihres Mannes war und bis zum Schluss sein wird.

Es gibt noch einige andere, wichtige und liebenswerte Figuren im Roman: die alte Nachbarin Berta May zum Beispiel, die ihre 8-jährige Enkelin Alice bei sich aufgenommen hat, nachdem deren Mutter an Krebs gestorben ist. Die beiden Johnson-Frauen, Mutter und Tochter, auch diese keine junge Frau mehr. Einst hatte sie eine Affäre mit einem verheirateten Mann und wurde diese Geschichte niemals mehr los.

Die junge Alice ist eine Art Gegenpol zu Dad: Während hier ein Leben zu Ende geht, beginnt dort ein anderes. Wunderbar sind die Szenen um die Frauen, die sich um das junge Mädchen scharen, Zeit mit ihm verbringen wollen, aus Mitgefühl oder Muttergefühlen, wo sie selbst Verluste erlitten haben, aus Lebensdrang.

Harufs Sprache ist so einfach wie vermeintlich kunstlos, seine Figuren haben allesamt etwas Pragmatisches, Zupackendes, eine Art und Weise, das Leben anzugehen, wie sie es vermutlich von klein auf gelernt haben: Klagen und Selbstmitleid sind unerwünscht, man muss eben mit dem klarkommen, was der liebe Gott einem mitgegeben hat. Der bzw. der Glaube sind auch so ein Thema: Ein weiterer Handlungsstrang erzählt vom Pfarrer, der vielen der konservativen Bewohner ein Dorn im Auge ist. Von seiner liberalen Einstellung halten sie nichts und sie bringen dies auch nachdrücklich zum Ausdruck.

Auch wenn man bei Haruf eine virtuose Sprache und komplizierte Psychologisierung also vergeblich sucht – all das ist wunderbar stimmig, entwickelt sofort einen großen Sog und lässt beim Lesen das Gefühl entstehen, man sei sehr direkt dabei. Seine Sprache ist wohldosiert und in dem Sinn dann doch kunstvoll, er macht kein Wort zu viel. Es entstehen einige sehr starke Bilder. Sowieso ist die Lektüre eines neuen Romans von Haruf aus dem Holt-Kosmos ein bisschen so, als würde man alte Freunde wieder sehen. Hier wird nichts verklärt, doch die kleinen Schönheiten finden ihren Platz. „Kostbare Tage“ ist ein weiterer sehr feiner Roman aus Holt, Colorado.

Kent Haruf: Kostbare Tage, aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda, Diogenes Verlag, 2020, 352 Seiten


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