Die Welt im Wanken – Hilmar Klute: Oberkampf

Es ist der Versuch, das Alte hinter sich zu lassen. Das Leben in den eingefahrenen Bahnen, eine Welt, die keine Überraschungen mehr bereithält, so fühlt es sich zumindest an. Jonas Becker, in seinen Vierzigern, zieht nach Paris, in eine kleine Wohnung in der Rue Oberkampf, mit einem Buchprojekt in der Tasche: Es soll die Biographie des alten Schriftstellers Richard Stein werden, der seit vielen Jahren in Paris lebt. Dessen Bücher seien „nicht jedermanns Sache“, so heißt es, doch Jonas sprechen sie gerade deshalb an, weil sie eben keine „Trostliteratur“ seien:

„Der wahrhaftige Trost war die Trostlosigkeit, die bedingungslose Resignation. Dort, nach ganz unten, dorthin musste man gelangen, um wieder mühsam nach oben zu kommen.“ Kapitel 1

Zu Hause bricht Jonas alle Zelte ab. Die Beziehung zu Corinna hatte schon lange Risse und ist nun endgültig vorbei. Mit ihr und einem guten Freund hatte er eine Agentur betrieben, „Die klugen Köpfe“, die sich darauf verschrieben hatte, Experten zu allen möglichen Themen zu vermitteln. Auch hier hatte sich das Ende schon länger angekündigt, waren die Aufträge zurückgegangen, schien die Zeit der Agentur schlicht vorbei, so dass Jonas sie vor seiner Abreise abwickelt.

Kaum in Paris angekommen, trifft er einerseits auf eine Gruppe junger Leute rund um eine Frau namens Christine, der er bald näher kommt, andererseits geschieht etwas, das sein Leben in den nächsten Monaten, so deutlich wie unterschwellig, beeinflussen wird: der Anschlag auf Charlie Hebdo.

Hilmar Klute erzählt in seinem Roman „Oberkampf“ von Jonas’ neuem Leben in Paris und wir LeserInnen folgen ihm auf Schritt und Tritt. Jonas’ Alltag besteht aus den vielen, meist täglichen Treffen mit Stein, der Jonas sofort das Heft aus der Hand genommen hat und bei dem Buch über ihn mehr als ein Wort mitreden möchte. Und Jonas trifft sich ebenfalls täglich mit Christine, die der Anschlag tief erschüttert hat und die Jonas in ihrem Bestreben, etwas zu tun für ihr Land, für die Stimmung im Land, für die Schwachen und Benachteiligten, mit sich zieht. Ob es etwas hilft? Ungewiss. Schließlich gibt es auch noch Nachrichten von zu Hause, erhält Jonas zunächst Besuch und später eine Nachricht von großem Ausmaß.

„Oberkampf“, so ist es zu lesen, erzählt von einer Welt im Ausnahmezustand und von dem Versuch, des Protagonisten, in dieser Welt zu leben. Doch obwohl Jonas nicht gedrängt wurde, Deutschland zu verlassen und in Paris etwas Neues anzufangen, wirkt er wie jemand, der kaum etwas aus eigenem Antrieb tut. Vielmehr scheint es, als würde er getrieben, als würden die beiden, die in Paris die wichtigsten Personen für ihn sind, ihn anschieben. Jonas erscheint mir sehr passiv. Das erklärt sich zwar recht schlüssig, lähmt ihn wohl die Situation, in der er sich befindet, ist er womöglich einfach nicht der Typ, der gern aktiv Entscheidungen trifft – auch in das Projekt mit Stein ist er ein wenig „hineingeschlittert“, ebenso wie in die Beziehung mit Christine, von der nicht nur Jonas, sondern auch der Leser lange nicht recht weiß, wie ernst es zwischen den beiden ist. Dennoch blieb mir Jonas trotz meiner generellen Sympathien für suchende, strauchelnde Figuren recht fern, empfand ich ihn als etwas blass.

„Oberkampf“ erzählt fast das komplette Jahr 2015, veranschaulicht an Jonas, an Stein und an Christine, wie es ist, in dieser „Welt im Ausnahmezustand“ zu leben. Dabei ist die Bedrohung einerseits offen, andererseits immer auch unterschwellig, ein diffuses Gefühl, sich nicht mehr verlassen zu können auf das, was man für gegeben hielt. Obwohl mich die Geschichte nicht komplett packen konnte, empfinde ich es doch so, dass Klute es gut gelungen ist, diese Stimmung, die Bedrohung und die Gefühle, die diese Bedrohung in seinen Figuren auslöst, an seine Leserinnen und Leser zu vermitteln und erfahrbar zu machen.

Hilmar Klute: Oberkampf, Galiani Verlag, 2020, 320 Seiten