Vampire und Nazis – Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

Wenn man nicht darüber spricht, dann ist es nicht geschehen.“ S. 64

Ruth und Viktor wachsen in einem Dorf in den letzten Jahren der DDR auf. Sie sind Freunde, schon seit dem Kindergarten. Und sie teilen die Erfahrung von Gewalt und Missbrauch, Missbrauch, der für sie so alltäglich wie unaushaltbar ist. Da sind die Schläge, die Ohrfeige, mit der, für die Kinder völlig normal, ein Streit beendet wird. Doch Ruths Großvater missbraucht sie auch sexuell, er „saugt sie aus“, wie Ruth es, mangels Verständnis für das, was ihr geschieht, mangels einer passenden Sprache, über die sie nicht verfügt (so es diese überhaupt gibt), ausdrückt. Ruth nennt den Großvater also einen Vampir. Und Viktor, Nachzügler mit einer deutlich älteren Schwester, wird regelmäßig von seinem Schwager vergewaltigt. Für die Kinder ist es unmöglich, sich den Erwachsenen anzuvertrauen und diese schauen lieber weg, als sich dem zu stellen, was mit ihren Kindern geschieht, als sie zu schützen.

Ruth flüchtet sich ins Geigenspielen und wird schließlich Berufsmusikerin – und es ist bitter, aber wohl gar nicht so selten, dass sie als Erwachsene erneut ein Opfer von Gewalt wird. Viktor trainiert sich Muskelpakete an und wird zum Neonazi, bevor es ihn als Au-Pair nach Frankreich verschlägt – er tut alles, um wegzukommen, so weit es eben möglich ist. In der Gastfamilie wiederholt sich seine Geschichte, nur seine Rolle darin ist eine andere.

„Monster wie wir“ ist ein sehr kraftvoller Roman, der zunächst eher diffus, doch immer deutlicher von der allgegenwärtigen Gewalt um Ruth, ihren Bruder Fly und Viktor erzählt, bevor Ulrike Almut Sandig deutlicher ausspricht, was den Kindern und später Jugendlichen geschieht. Obwohl man all das längst gewusst hat, sind die ersten klaren Sätze um den Missbrauch dann auch ein Schlag ins Gesicht der LeserInnen – und genau das sollen sie auch sein. Sandig macht die Ohnmacht ihrer Protagonisten, auch ihr Nichtverstehen dem gegenüber, was da eigentlich mit ihnen geschieht, nur zu fühlbar durch die zunächst wie verwaschenen Szenen, das Nicht-Greifbare, das mit der Zeit immer deutlicher zu sehen sein wird.

Ulrike Almut Sandig ist Lyrikerin, was man dem Roman, ihrem Debütroman, anmerkt in seinem einerseits sehr dosiert poetischem, dann wieder sehr einfachem, lakonischen Tonfall, der mich überzeugt hat. Und sehr folgerichtig wird das Nicht-Aussprechbare zunächst gar nicht, dann kaum und später dann erst recht grausam-direkt ausgesprochen. Sandig macht deutlich, wie die Gewalt wirkt, wie sie sich durch Familien und Lebensläufe zieht. Ihr Roman ist fein konzipiert, Sprache wie Handlung sind stets genauestens dosiert, und gerade durch das nicht Gesagte erhält er eine ungeheure Kraft, der man sich nicht entziehen kann. „Monster wie wir“ ist ein erschütternder, ein schmerzhafter Roman, ein Roman, der seinem schwierigen, seinem erschütterndem Thema gerecht wird.

Eine weitere Besprechung gibt es bei literaturleuchtet.

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir, Schöffling & Co. Verlag, 2020, 240 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Vampire und Nazis – Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

  1. Wortverloren schreibt:

    Danke für die Rezension, das Buch klingt wirklich sehr interessant.

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.