Elio und Oliver, später – André Aciman: Finde mich

Mit Erwartungen ist das so eine Sache. Ich glaube, dass es unmöglich ist, ein Buch gänzlich ohne Erwartungen zu lesen, denn allein schon Titel und Cover stoßen etwas in einem an, und sei es noch so diffus und wenig greifbar. Im Falle von André Acimans gerade neu bei DTV erschienenem Roman „Finde mich“ ist es noch schwieriger, keine Erwartungen zu haben, da der Roman die Geschichte von Elio und Oliver aus Acimans Roman „Call me by your name“ weiter schreibt. Und gerade, wenn man den wunderbaren und sehr intensiven Film von Luca Guadagnino gesehen hat, möchte man vor allem wissen, wie es mit den beiden Hauptfiguren weitergeht und ja, auch, wenn der Vorgänger ein schlüssiges, ein realistisches Ende hatte, so wünscht man sich dennoch, es möge alles gut enden für Elio und Oliver.

Bei der Lektüre von „Finde mich“ habe ich mich zwischen Extremen bewegt (und es wird nötig zu sein, mehr vom Inhalt zu verraten, als mir lieb ist, dies als kleine Spoilerwarnung). Aciman kümmert es nämlich nicht, dass seine LeserInnen sich vor allem für Elio und Oliver interessieren. Erst einmal widmet er sich ausgiebig Elios Vater, der auf dem Weg zu seinem Sohn ist und im Zug eine junge Frau kennen lernt. Es sind wohl ungefähr zehn Jahre vergangen. Wir sind dabei, vom ersten Satz, der zwischen den beiden fällt bis hin zu dem Punkt, an dem die beiden sich – sehr schnell – näher kommen. Und erst, als diese Geschichte um Elios Vater zu Ende erzählt ist, taucht Elio überhaupt zum ersten Mal auf, da ist ein Drittel des Romans bereits gelesen.

Und immer noch spannt Aciman seine Leserinnen und Leser auf die Folter und erzählt eine Geschichte aus Elios Leben, eine, die die des Vaters außerdem zu spiegeln scheint. Immer geht es um Liebe, um die Suche nach demjenigen, der in der Lage ist, alles zu verändern, dem Leben einen Sinn zu geben. Es ist ein sehr romantisches, ein mit Bedeutung aufgeladenes Bild von romantischer Liebe, das hier bedient wird. Manchmal ist mir das zu nah am Kitsch, zu verklärt, manchmal habe ich das Gefühl, zu nah dran zu sein an denen, die sich da gerade näherkommen, empfinde ich die Sexszenen als misslungen und hätte mir gewünscht, man hätte die Protagonisten ein paar Sätze zuvor verlassen. Oliver und seine Rolle in Elios Leben sind zwar Thema, doch noch ist er jemand, der sein eigenes Leben, weit weg von Elio lebt.

So habe ich zum ersten Mal nach ungefähr einem Drittel überlegt, das Buch zur Seite zu legen, war mir die Geschichte um Elios Vater zu sehr Altmännerphantasie. Daraufhin las sich die Geschichte Elios sehr wie eine Variante der Geschichte seines Vaters, denn hier gibt es ebenfalls einen großen Altersunterschied, und auch der Ton ist ähnlich. Doch dann kam irgendwann der Punkt, an dem das Blatt sich wendete. War es das Rätsel um eine Partitur, das Elio, inzwischen erfolgreicher Pianist, zu lösen hatte und das weit in die Vergangenheit zurückreichte? Oder war es, dass die (von vornherein durchaus vorhandende) Erkenntnis, ein einfaches Fortschreiben der Geschichte um Elio und Oliver wäre langweilig und wahrscheinlich voller Kitsch gewesen (und nebenbei ziemlich unrealistisch), endlich einsickerte? Ich hätte es nach den anfänglichen Problemen, nach den Erwartungen, die ich nicht haben wollte, aber dennoch nicht beiseite schieben konnte, nicht mehr gedacht, aber letztlich war ich sehr versöhnt mit dem Roman und mit Acimans Entscheidung, wie er seinen Erfolg weiter geschrieben hat.

Acimans großes Thema in „Finde mich“ wird schon mit dem Titel des Romans vorgegeben: Es ist das Suchen und vor allem das Finden von Liebe, und zwar der ganz großen, der alles verändernden, der, wegen der man überhaupt am Leben ist. So ist da immer auch Pathos, wird alles mit Bedeutung aufgeladen, befinden wir uns manchmal gefährlich nah am Kitsch. Ich glaube, dass man sich darauf einlassen, dass man manchmal über etwas hinwegsehen muss, um den Roman mit Gewinn lesen zu können. Auch die wenig subtile Botschaft des Romans, dass Liebe kein Alter kennt, kommt mir etwas zu plump daher.

Vielleicht wäre es besser gewesen, Elio und Oliver dort zurückzulassen, wo sie am Ende von „Call me by your name“ waren. Ich bin tatsächlich nicht sicher, ob die Fortsetzung nötig war, ob Aciman es lieber seinen LeserInnen hätte überlassen sollen, wie sie das Ende von „Call me by your name“ einordnen. Doch ich glaube auch, dass „Finde mich“ das schwierige Unterfangen der Fortsetzung eines großen Erfolgs und einer Geschichte, die eigentlich beendet war, recht gut gemeistert hat. Die sehr unterschiedlichen Reaktionen auf den Roman, die ich im Netz gefunden habe, scheinen mir das Problem der hohen Erwartungen, die viele der Fans des Vorgängers hatten, widerzuspiegeln. Auch „Finde mich“ wird von Luca Guadagnino und mit Timothée Chalamet und Armie Hammer verfilmt, allerdings wird der Film sich wohl nicht an der Romanvorlage orientieren, sondern eigene Wege gehen.

André Aciman: Finde mich, aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Brovot, DTV Verlag, 2020, 296 Seiten

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